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Code Of Silence (1985)



Kurze Zeit nach Chuck Norris' größtem Kassenschlager Missing In Action sollte der wohl objektiv beste Film seiner Karriere veröffentlicht werden: Code Of Silence. Code Of Silence ist in Deutschland unter dem Titel Cusack - Der Schweigsame bekannt und erzählt die Geschichte des Polizisten Cusack, der mit seinem Team schon lange an einer umfangreichen Razzia bei der kolumbianischen Drogenmafia arbeitet. Doch als alles schief läuft und sich eine rivalisierende Gang einschaltet steht Cusack zwischen den Fronten. Auf die Mithilfe seiner Kollegen kann sich Cusack nicht verlassen, denn er hat den sogenannten Code Of Silence gebrochen...

Code Of Silence ist ein waschechter Actionthriller in dem Chuck Norris keine One Man Show abliefert, sondern nur ein Werkzeug in einem großen Koffer darstellt. Gerüchteweise war der Film eigentlich als Dirty Harry Sequel für Clint Eastwood gedacht. Letztlich wurde Chuck Norris' wohl einzig wirklich guter Film daraus. Auf der einen Seite ist der Film sehr realistisch gehalten und hat nur wenig mit der sonstigen Vita von Chuck Norris am Hut. Die Figuren wirken in ihrem Kosmos tatsächlich glaubwürdig und nachvollziehbar. Ein seltener Aspekt in einem Norris Film, der aber wie gesagt in diesem Film kein Norris Film ist, sondern viel mehr die Handschrift von Regisseur Andrew Davis trägt. Jener Regisseur der Jahre später mit The Fugitive seinen großen Durchbruch in Hollywood abseits von B-Actionern feiern sollte.


Code Of Silence bewegt sich also irgendwo zwischen Dirty Harry, French Connection und am Ende sogar einer Prise Robocop. Klingt zwar krude, ist aber tatsächlich ziemlich gelungen. Atmosphärisch überzeugt der Film mit seinem prägnanten Score, den stimmigen Bilder Chicagos und den interessanten Figuren auf ganzer Linie. Zwar ist die Story letztlich nur ein 08/15 Krimi, wird aber gut durch Andrew Davis' Handwerk kaschiert. Lediglich der Showdown ist am Ende etwas zu viel. Ansonsten ist Code Of Silence tatsächlich der sehenswerteste Film mit Chuck Norris. Doch der Sprung nach vorne für den Actionstar sollte nicht lange anhalten. Schon sein nächster Film Invasion USA sollte ein qualitativer Tiefpunkt in der langen Karriere von Chuck Norris werden. Das Niveau von Code Of Silence hat keiner seiner Filme in der Folge mehr erreichen können.

OT: Code Of Silence DT: Cusack - Der Schweigsame VÖ: 1985 Laufzeit: 101 Minuten FSK: 16 R: Andrew Davis D: Chuck Norris, Mike Genovese, Henry Silva, Bert Remsen
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Christian

Bildquelle: Orion, 20th Century Fox

Missing In Action (1984)



Unter der Regie von Joseph Zito (The Prowler, Friday the 13th: The Final Chapter) spielt Actionstar Chuck Norris (Delta Force, McQuade) im Kriegsactionfilm Missing In Action seine wohl bekannteste Rolle. Colonel Braddock konnte nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft endlich aus dem Vietnam fliehen. Noch Jahre später kämpft er nun auf diplomatischem Wege darum, dass auch die immer noch vermissten Kameraden endlich befreit werden. Doch in diesem Fall scheint Diplomatie nicht zu helfen und Braddock ist auf sich allein gestellt bei einer scheinbar unmöglichen Mission...

Missing In Action ist nicht nur der bekannteste Film und Braddock die bekannteste Filmrolle von B-Movie-Star Chuck Norris, nein, der Kriegsfilm im Stile von Rambo 2 war auch der erste Film einer langen Kooperation Norris' mit der berühmt-berüchtigten Produktionsschmiede Cannon. Trotz der strapaziösen Dreharbeiten im Dschungel an echten Locations, wurde Missing In Action auch zum größten finanziellen Erfolg in der langen Vita des Schauspielers. Aus irgendwelchen Gründen genießt der vor Patriotismus nur so strotzende Film bis heute Kultstatus. An der Qualität des Films kann es jedoch nicht liegen. Die Story und ihre Figuren sind extrem eindimensional, die Dialoge schlimmer als platt und handwerklich ist Zitos Film auf Grund des geringen Budgets auch maxmimal okay. Es ist nur zu offensichtlich, dass man mit Filmen im Stile von Rambo schnelle Kasse machen wollte. Dieser Film war übrigens ursprünglich als Prequel in der drei Filme umfassenden Reihe gedacht, doch auf Grund des etwas besseren Drehbuchs wurde aus Missing In Action 2 ganz kurzfristig Missing In Action 1.


Man muss dem Film anrechnen, dass er phasenweise recht spannend und unterhaltsam ist, aber im Mittelteil auch ziemlich stark langweilt. Der rassistische Tonfall des Films macht diesen heute eigentlich ungenießbar. Die reaktionäre, extrem patriotische politische Auffassung gehört jedoch auch untrennbar zur Vita von Chuck Norris. Im Gegensatz zu anderen Actionstars unserer Kindheit färbten Norris' private Ansichten auch auf seine Filme ab. Nicht der einzige, aber definitiv ein Grund für die nie abflauende Kritik an der Filmkarriere des Kampfsportlers. So ist Missing In Action letztlich nur ein qualitativ und inhaltlich ganz schwacher Abklatsch der Rambo-Idee. Wer jedoch zwischenzeitlich nicht eingeschlafen ist, darf eine besonders charmante taiwanesische Interpretation von Rod Stewarts "Do Ya Think I'm Sexy" belauschen. Dafür hat es sich dann doch gelohnt.

OT: Missing In Action VÖ: 1984 Laufzeit: 101 Minuten FSK: 16 R: Joseph Zito D: Chuck Norris, M. Emmet Walsh, David Tress
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Christian

Bildquelle: Cannon Group, 20th Century Fox

Anarchy Parlor - Killer Ink (2015)



Anfang August 2016 wurde der Torture Porn Anarchy Parlor unter dem schlagkräftigen Titel Killer Ink in Deutschland veröffentlicht. Trotz der dubiosen Umtitelung für den europäischen Raum wäre Hostel-Regisseur Eli Roth stolz auf Anarchy Parlor. Die Regisseure Kenny Gage und Devon Downs haben sich gewaltig von Roths Gewaltorgien inspirieren lassen und halten so auch 2016 das Subgenre am Leben. Aber war das notwendig?

Natürlich sind die Hauptfiguren des Films Amerikaner. Natürlich befinden sich die Amerikaner auf einer Reise durch Osteuropa. Aber mal nicht in Serbien oder in der Ukraine, sondern Litauen muss in diesem Fall für die tendenziell xenophoben Fantasien amerikanischer Filmemacher herhalten. Was macht man natürlich im Urlaub? Genau man lässt sich in einem wenig vertrauenswürdigen Tattoostudio in einer gammeligen Seitenstraße ein Bild unter die Haut stechen. Doch unsere Freunde haben wohl nicht damit gerechnet, dass es sich bei dem Inhaber um einen fiesen Sadisten handelt...


Die Macher des Films geben sich wenig Mühe dabei, die Offensichtlichkeit ihrer Inspirationsquellen, aber vor allem ihrer Absichten verdeckt zu halten. Es geht um sehr, sehr viel nackte Haut und grausige Gewaltexzesse. Material für die Videotheken dieser Welt. Gage und Downs, die auch für das Skript zuständig waren, schöpfen dabei alle gängigen Klischees derartig aus, dass man Anarchy Parlor zwischenzeitlich als Parodie auf dieses unanständige Subgenre verstehen könnte. In jenen Szenen macht Anarchy Parlor durchaus Spaß und hält den geneigten Horrorfan bei der Stange.

Leider hat es der Film jedoch verpasst sympathische Charaktere zum Mitfiebern einzuführen. Ein Problem, das dem Genre von Anbeginn erhalten blieb. Die Hauptfiguren sind allesamt debile Dumpfbacken, die nichts als Saufen und Bumsen im Kopf haben. Mitleid stellt sch hier kaum ein. Viel mehr verschiebt der Film seinen Mittelpunkt auf den sadistischen Tattookünstler The Artist, ziemlich gut dargestellt vom ewigen Filmbösewicht Robert LaSardo (Hard To Kill, Death Race). An seiner Seite steht das ebenfalls noch dezent hervorstechende, finnische Tattoomodel Sara Fabel mit ihrer kruden Art des totalen Overactings.


Und dann wäre da noch die ziemlich heftige Gewalt, die in Deutschland dafür sorgte, dass der Film um einige Minuten gekürzt wurde. Die ungeschnittene Fassung des Films liefert in der Tat einige deftige Gewaltspitzen, die beim Zuschauen wirklich schmerzen. Auf der anderen Seiten fällt der unnötige Gebrauch von CGI auf, der vielen Szenen seine Intensität raubt. Ansonsten ist der Film handwerklich in Ordnung und wirkt trotz seines geringen Budgets wie eine gehobene Horrorproduktion.

An und für sich ist Anarchy Parlor alias Killer Ink kein sehenswerter oder überhaupt erwähnenswerter Film. Kevin Matthews hat es auf Letterboxd gut veranschaulicht, als er Anarchy Parlor als Film bezeichnet, "der viel zu spät zu einer Party erscheint". Genreliebhabern sei jedoch gesagt, dass der Film von Kenny Gage und Devon Downs dennoch zu den besseren Einträgen des Torture Porn gehört. Es gibt nicht viele Ansprüche, die man an einen solchen Film stellen könnte, aber die vorhandenen erfüllt Anarchy Parlor doch recht vollständig...

OT: Anarchy Parlor ET: Killer Ink DT: Killer Ink - Dein erstes Tattoo wirst du nie vergessen VÖ: 2015 Laufzeit: 98 Minuten FSK: - Fassung/Schnitt: Achtung die deutsche FSK 18 Version ist geschnitten R: Kenny Gage, Devon Downs D: Robert LaSardo, Jordan James Smith, Sara Fabel, Tiffany DeMarco
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Christian

Bildquelle: Gravitas Ventures, Tiberius Film

The Driver (1978)



Walter Hills 1978er The Driver war nicht nur Inspiration für Nicolas Winding Refns Namensvetter Drive. Aber an diesem Beispiel kann man gut erkennen, dass Walter Hills nicht unbedingt perfekter, aber wegweisender Film bis heute Pate steht als Musterexemplar für Spannung, Style und Verfolgungsjagden. Und in der Tat sieht sich The Driver auch heute noch so gut an wie es damals gewesen sein muss. Ein Neo-Noir-Thriller am Puls der Zeit.

Der Driver hat seine Obsession im Fahren von Fluchtwagen gefunden. Er ist vermutlich der Beste in seinem Metier und wurde auf Grund seines außergewöhnlichen Talents noch nie von den Cops gefasst. Doch nach einer weiteren grade so geglückten Verfolgungsjagd im nächtlichen Los Angeles nimmt ein Ermittler der Polizei gezielt die Fährte des Drivers auf um ihn hinter Gittern zu bringen. In der Tat ist die Story von Walter Hills Thriller sehr minimalistisch, aber genau das macht sie so spannend. Es gibt nur drei wirklich wichtige Figuren und einen stringenten Plot, der gezielt auf sein in seiner Konsequenz unerwartetes Finale zuläuft. Walter Hill, bekannt als Regisseur von Red Heat, 48 Hours und The Warriors, ist hier einer der ersten prägnanten Style Over Substance Filme des modernen Kinos gelungen.


Und ja in der Tat erinnert die famose Eingangssequenz sehr an Refns Drive. Der Däne hat sich definitiv von diesem Einstieg, aber vor allem in der Figur des namenlosen Drivers für seinen Film mit Ryan Gosling inspirieren lassen. Aber das war es dann auch schon mit den Vergleichspunkten, denn The Driver lässt uns einen ganz eigenen Charme spühren. Spannung und Action stehen hier im Vordergrund. Insbesondere die Fahrsequenzen sind cineastisch hervorragend. Allerdings muss man auch dazu erwähnen, dass eine Autoverfolgungsjagd, die eigentlich nur auf zwei verschiedene Arten enden kann, heutzutage kaum noch jemanden fesseln dürfte. Aber wenn, dann wären es jene stets realistischen aus Walter Hills Streifen. Hill schafft es trotz mittelmäßiger Dialoge und wenig detailierter Charaktere einen durchgängigen Spannungsbogen aufzuheizen, der besonders während der nächtlichen Ausflüge des Drivers perfekt zur Geltung kommt. Kamera, Farbstimmung und Musik ergeben ein konsequentes und sehenswertes Konstrukt.


Ryan O’Neal (Love Story, Barry Lyndon) funktioniert als Driver tatsächlich nicht annähernd so gut wie später Ryan Gosling. So mag die Figur des Drivers dem Chefermittler, gespielt von Bruce Dern (Django Unchained, Nebraska), immer eine Nasenlänge voraus sein, doch schauspielerisch liegt der immer noch höchstaktive Dern ganz klar vorn. Dern und die bezaubernde Französin Isabelle Adjani (Possession, La Reine Margot) sind die eigentlichen Stars des Films. Mit ihrer faszinierenden Ausstrahlung entpuppt sich Adjani als wahre Szenencatcherin. The Driver ist schon irgendwie ein kleiner Blender. Den Mangel an Story und gut geschriebenen Charakteren kaschiert der Film manipulativ durch enorme Spannung und einen grandiosen, audiovisuellen Ausdruck. Doch auch heute wird stets klar, warum The Driver einen derartigen Kultstatus inne hat und auch immer noch zahlreiche junge Regisseure inspiriert. In der Summe klassisches, stilsicheres 70s Kino. Muss man nicht mögen, aber sollte man auf Grund seiner so ziemlichen Einzigartigkeit gesehen haben.

OT: The Driver VÖ: 1978 Laufzeit: 91 Minuten FSK: 18 R: Walter Hill D: Ryan O'Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley
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Christian

Bildquelle: Studio Canal

Suicide Squad (2016)



Nicht nur für mich war Suicide Squad der wohl am meisten erwartete Film des Jahres. Obwohl die Comichelden bzw. Antihelden des Squads längst nicht zur ersten Brigade der DC Comics gehören. Schon bei der Ankündigung dürften sich nicht viele Comicfans gewundert haben, dass ausgerechnet die Schurkenriege des Verlags auf die große Leinwand kommen wird, denn den Status oder die Bekanntheit eines Batman, Superman oder einer Wonder Woman lag hier längst nicht vor. Doch nicht nur mit der aufreizenden Figur der Harley Quinn als Mittelpunkt der Marketingkampagne konnten DC und Warner die Fans anheizen. Sogar der Trailer lief über ein halbes Jahr lang vor nahezu jedem Film im Kino. Doch dann trat vor zwei Wochen der Reboot des Batman V Superman Faktors ein. Verheerende Kritiken überschwappten das Internet. Für nicht wenige wandelte sich Suicide Squad vom Heilsbringer zum Flop des Jahres. Seit dem 18. August läuft der Film nun auch in Deutschland und was soll ich sagen? Ich bin begeistert!

In Suicide Squad plant Regierungsagentin Amanda Waller (Viola Davis) nach dem Tode Supermans eine schlagkräftige Truppe Oberschurken zu casten um diese im Dienste des Staates gegen noch viel schlimmere Bösewichter einzusetzen. Das Aufgebot umfasst dabei illustre Leute wie Deadshot (Will Smith), einem Mann, der nie sein Ziel verfehlt. Oder Harley Quinn (Margot Robbie), inhaftierte Gespielin des Jokers und ehemalige Psychologin. Dazu gesellen sich der feurige Diablo (Jay Hernandez), Krokodilmann Killer Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Räuber Captain Boomerang (Jai Courtney), Hexe Enchantress (Cara Delevingne) und Slipknot, der Mann, der noch jedes Hindernis überqueren konnte. Der erste Einsatz der sogenannten Task Force X kommt dann auch schneller als erwartet, denn ein Mitglied des Squads tanzt aus der Reihe und richtet ein gewaltiges Chaos an. Gemeinsam mit dem Obersoldaten Rick Flag (Joel Kinnaman) müssen die Antihelden nun versuchen das Problem zu lösen und die Zerstörung der Welt aufzuhalten.


Das erste Drittel des Films nimmt sich die Zeit um uns alle Figuren mal mehr, mal weniger umfangreich vorzustellen. Hauptfiguren wie Deadshot, Harley Quinn, aber auch Diablo bekommen durchaus nachvollziehbare Hintergründe, nicht zuletzt aus den Comicvorlagen geliefert. Manchmal in einer je fünf Minuten umfassenden, bunten und vor allem exorbitant heftig zusammengeschnittenen Sequenz oder im Film selbst, als kurze Flashbacks, die anders als Batmans Albtraumsequenzen in Batman V Superman nie stören oder den Erzählfluß blockieren. Diese erste halbe Stunde ist grell, bunt, sehr rasant und hat mich entgegen vieler Kritiken sehr begeistert. So muss sich eine Comicadaption anfühlen und so muss sie aussehen. Man kann herrlich über Suicide Squad diskutieren, aber dem Film seinen tollen Comicflair absprechen, nein, das nicht. Nachdem sich unsere Antihelden artig begrüßt haben, geht es auch schon in die turbulente Action. Es gibt einige richtig toll inszenierte Kämpfe und Schießereien, die aber auch in wenigen Momenten, vor allem auf Grund des 3D-Effekts unübersichtlich sind.

Dennoch entfaltet Suicide Squad hier durchgängig tolles Entertainment. Die Figuren harmonieren wundervoll, jede auf ihre eigene Weise. Deadshot ist klar als Leader des Squads definiert und ist auch jene Figur, der wir vor allem unsere Sympathien schenken sollen. Das gelingt problemlos, denn Will Smith liefert hier ab wie seit Jahren nicht mehr. Die Freude an der Rolle ist ihm in jeder Szene anzusehen. Toll, den sympathischen Darsteller endlich wieder in Form zu sehen. Auf der anderen Seite haben wir Harley Quinn. Durchgeknallt, psychopathisch, aber eigentlich eine bemitleidenswerte Frau. Ich hatte die Befürchtung, dass letztgenannter Aspekt im Film keine Rolle spielen wird, doch das eigentlich eher dürftige Drehbuch hat auch für Quinns finstere Vergangenheit Momente frei. Comicfigur Harley Quinn wird von der großartigen Darstellerin Margot Robbie zum Leben erweckt. Robbie wird jedem Aspekt der Figur vollkommen gerecht. So entpuppt sich Robbie bzw. Quinn als wahre Szenendiebin. Des Jokers Herzdame reißt nahezu den ganzen Film an sich und nähert nur noch mehr die Hoffnung auf einen Solofilm oder zumindest einer Verfilmung des grandiosen Mad Love Comics. Ich kann es kaum erwarten.


Ein weiteres Highlight ist Viola Davis. Bereits ihre Besetzung im Film war eine Überraschung aber was sie daraus gemacht hat? Umwerfend. Gegen Amanda Waller ist Nick Fury nur ein feuchter Pups. Viola Davis könnte nicht mehr badass sein als hier. Von den restlichen Figuren ist mir dann noch Diablo ans Herz gewachsen. Die anderen Charaktere bekommen ihre Auftritte, bleiben aber doch eher Randfiguren. Und dann hätten wir da noch den Joker. Jack Nicholson war gut, Heath Ledger großartig. Jared Leto? Schwer zu sagen, denn die Screentime wurde im Kinoschnitt tatsächlich auf ein Minimum reduziert. Auf jeden Fall sorgt Letos Performance für eine eigenständige Interpretation von Gotham Citys Obervillain. Die ganze Figurenkonstellation ist für mich auf jeden Fall deutlich interessanter als bei den Avengers, die dann doch etwas zu gelackt wirken im Vergleich. Ich mag Black Widow. Ich mag Captain America. Würde Harley und Deadshot aber jederzeit den Vorzug geben. Da bin ich ehrlich.

Zurück zum angedeuteten Kritikpunkt. Ja, die Handlung ist simpel und das Drehbuch hätte durchaus mehr Tiefe verlangt. Angesichts des Drucks der Studios auf David Ayers Arbeit ist das jedoch nicht verwunderswert. Ayer, bekannt als Regisseur von Fury, End Of Watch und Sabotage, agiert beim Suicide Squad als Regisseur, Autor und Produzent. Vielleicht etwas viel Arbeit für eine Person. Dafür, dass es sich letztlich jedoch um eine Originstory handelt, verplempert der Film zum Glück noch relativ wenig Zeit mit der Einführung der Figuren. Vielen ging die Vorstellung der Figuren scheinbar zu lang, aber ich bin da ganz anderes gewohnt. Ansonsten trifft der Film tonal definitiv das Comicuniversum und liefert im Vergleich zu Batman V Superman deutlich mehr Power und Tempo. Lediglich auf der Seite der wirklichen Antagonisten des Films offenbart der Film ähnliche Probleme wie der Großteil aller Comicadaptionen. Egal ob bei den Avengers, Deadpool oder Batman V Superman. Hier herrscht Nachholbedarf. Wie man es macht hat The Dark Knight gezeigt, auch wenn man einen Bösewicht wie den Joker wirklich nur selten vorfindet.


Um beim Tonfall zu bleiben. Entgegen der Marketing-Kampagne ist Suicide Squad tatsächlich ein ziemlich dunkler und düsterer Film. Die Haupthandlung spielt eben in der Dunkelheit und erinnert schon an Batman V Superman. Doch immer wieder offenbaren sich Farbtupfer. In der Vorstellungsrunde zu Beginn sowieso, hier erkennt man auch deutlich den Stil der Trailer wieder. Aber auch im weiteren Verlauf kommt immer wieder Farbe ins Spiel und wenn es der dezente, aber nie deplatzierte Humor richten muss. Audiovisuell ist Suicide Squad übrigens aus meiner Sicht herausragend. Der Film sieht einfach super aus, ist toll geschnitten und schick gefilmt. Handwerklich gehört David Ayers Film definitiv zu den besten Blockbustern des Jahres. Das fängt bei den tollen Kostümen an und hört bei der ganzen Präsentation auf. Die Comicadaption lässt sich optisch am ehesten als Mix aus Moulin Rouge, Zack Snyders Sucker Punch und vielen hochwertig produzierten Musikvideos beschreiben. Der Vergleich zu Sucker Punch passt beim Suicide Squad übrigens nicht nur an dieser Stelle. Die Stärken und Schwächen beider Filme lesen sich nahezu gleich. Und auch Sucker Punch war schon so ein Hate It Or Love It Streifen. Über den Soundtrack lässt sich übrigens streiten. Vermutlich änderte man hier einiges nachdem man bemerkte, dass die Musikauswahl der Trailer für große Begeisterung bei den Fans sorgte. Und so spielt Suicide Squad wie schon Marvel's Guardians Of The Galaxy mit der Welt der Popmusik. Ob Eminem, die Rolling Stones, Queen oder Black Sabbath. Da kommt schon einiges auf uns zu. Aus meiner Sicht gelungen, aber die Inspiration bei Marvel lässt sich hier nicht abstreiten.

Was bleibt am Ende? Für mich vor allem zwei Stunden lang wirklich tolles Entertainment. Ich liebe die Figuren und ihre Interaktionen. Ich bin verliebt in den Artstyle und die ganze Machart des Films, tatsächlich inklusive des Erzählsstils. Sicherlich hätte der Film an der einen oder anderen Stelle etwas mehr Logik und Tiefgang vertragen. Aber who cares? Ich hatte Spaß ohne Ende. Suicide Squad ist die lebhafte Einführung neuer Comicantihelden auf der großen Leinwand und ich hoffe Warner und DC geben nicht auf und bleiben diesem Stil treu. Das könnte in Zukunft passen, wenn man an den richtigen Schrauben dreht. Suicide Squad ist nicht so gut wie Deadpool, kann sich aber mit einem Civil War definitiv messen. Nicht großartig, aber aus meiner Sicht weit davon entfernt seinen miserablen Kritiken gerecht zu werden. Also Leute, schaut euch den Film, und bildet euch eine eigene Meinung.

OT: Suicide Squad VÖ: 2016 Laufzeit: 130 Minuten FSK: 16 R: David Ayer D: Will Smith Margot Robbie Joel Kinnaman Viola Davis, Jared Leto, Cara Delevingne
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Weitere Kritiken: Filmtogo

Christian

Bildquelle: Warner Bros., DC,

Teenage Mutant Ninja Turtles: Out Of The Shadows (2016)



Ghostbusters, He-Man, Captain Tsubasa, Mila und die Turtles. Das waren die Heldinnen und Helden meiner Jugend. Manche dieser Figuren werden ab und zu noch auf angestaubten DVD-Collections wiederveröffentlicht, einige bekommen jedoch in unregelmäßigen Abständen noch große Auftritte zugesichert. Zuletzt die Ghostbusters im viel diskutierten Reboot oder alle Jahre wieder die Turtles. Der erste Live-Action-Film der Comicschildkröten aus den frühen 90ern ist für mich bis heute ein gelungenes Abenteuer. Die Nachfolger waren da schon dürftiger. Vor einigen Jahren gab es dann einen gar nicht so verkehrten Animationsfilm, der aber die Fans alter Zeiten wenig glücklich gestimmt hat. 2014 nahm sich dann Michael Bay's Produktionsteam den vier grünen Sympathieträgern an und präsentierte einen Live-Action-Film mit verblüffend toll animierten Turtles, aber auch wenig Tiefgang. Ein Film der Spaß macht, aber auch in keinen Punkten aus dem Wulst an Blockbustern herausragte. Da jedoch der kommerzielle Erfolg passte, schob man in der letzten Woche bzw. in den Staaten im Mai ein Sequel nach.

In Teenage Mutant Ninja Turtles: Out Of The Shadows geht es, wie so oft im Blockbuster, um das große Ganze. Das Schicksal der Menschheit steht mal wieder auf dem Spiel. Und da haben wir auch schon mein größtes Problem mit dem neuen Turtles Film und dem Actionkino der letzten Jahre generell: dem Showdown. Durch viele Actionfilme musste ich mich 2016 am Ende regelrecht durchquälen. Durch unübersichtliche oder völlig generische Effektschlachten. Egal ob Ghostbusters, X-Men Apocalypse, Batman V Superman oder eben Turtles: Out Of The Shadows. Wo sind die erdigen Storys? Die greifbaren oder mal persönlichen Elemente? Insbesondere zu den Turtles passen eher die kleineren Geschichten, in denen beispielsweise einfach mal nur eine Straßengang dingfest gemacht werden muss. Bei unseren tierischen Freunden darf es auch gerne mal etwas düsterer zugehen wie in den alten Comics oder in der US-Fassung des ersten Films, in der es nicht die aus der deutschen Sprachfassung bekannten Boing-Boing und Pow-Pow Geräusche im Sekundentakt gibt. Aber nein, in Out Of The Shadows bedroht der bekannte Turtles-Schurke Krang die Welt mit einem Dimensionsportal und seiner Superwaffe, dem Technodrome. Da wird selbst Oberbösewicht Shredder ganz klein im Vergleich. Zwischenzeitlich wird ein Disput zwischen den unterschiedlichen Turtlescharakteren deutlich. Mehr davon! Die Turtles sind coole Figuren, denen man auch etwas Tiefgang trotz aller Entertainmentfähigkeiten zutrauen kann. Aber im Film selbst wird dieser Konflikt letztlich nur als Aufhänger benutzt.


Dass Turtles 2 kein guter, sogar ein schwächerer Film als sein durchschnittlicher Vorgänger ist, liegt vor allem am hundsmiserablen Pacing und Drehbuch. Der Film führt mit Casey Jones, Rocksteady und Bebop Fanlieblinge ins neue Turtlesuniversum ein, verschenkt diese Figuren aber nahezu komplett. War Casey früher ein cooler Charakter, dient er heute nur noch als Maybe-Maybe-Not-Loveinterest für April O'Neal (Megan Fox). Worauf ich hinaus will? Der Film vergibt so viel Potential. Optisch ist der Film, wenn er nicht grade in den Actionszenen unübersichtlich wird, durchaus sehenswert. Die Animationen der Turtles selbst haben mich schon im Vorgänger begeistern. Aber was nützt das, wenn der Film insbesondere in der ersten Hälfte grausig und stellenweise konzeptlos zusammengeschnitten ist? Da spielt sich die eigentlich ziemlich simple Handlung in viel zu vielen Szenarien ab. Wissenschaftler Baxter Stockman hier, Shredder da, Turtles hier, April da...Interesse an der Handlung und den Figuren erweckt man so nicht. Auch die Eindimensionalität der Figuren stört massiv. Klar hat und hatte jeder Turtle schon immer seine eigene Rolle im Universum des Franchises. 2016 sind die Figuren jedoch so stereotypisch, dass es selbst in den meisten Kinderaugen weh tun muss. Muskelturtle, Anführerturtle, Nerdturtle (ja so wird es sogar im Film erzählt) und Trottelturtle. Ist unser Blockbusterhorizont denn wirklich immer noch so beschränkt? Traut man dem Publikum nicht mehr zu?


Trotz aller Probleme und Schwächen lassen einen die Turtles aber auch in Out Of The Shadows nicht ganz kalt. Der Humor ist zwar recht flach, aber sehr sympathisch und manchmal auch mit einer dezenten Metaebene versehen. Ich will nicht behaupten, dass Turtles 2 zotig ist, aber auf die ein oder andere Art und Weise schon sehr selbstironisch und damit nahe an den Vorlagen. Ein Punkt auf den man in eventuellen kommenden Sequels näher eingehen sollte. Zwiespältig gegenüber stehe ich einigen völlig übertriebenen Szenen (z.B. der Fallschirmszene und den Minuten danach). Eigentlich habe ich die Schnauze voll von solchen Filmmomenten, auf der anderen Seite unterstützen eben diese Momente die eigentliche Herkunft aus den Comics und der weltberühmten Zeichentrickserie. Die Turtles bleiben der Popkultur auch im Jahr 2016 fest erhalten. Herausgekommen ist mit Out Of The Shadows jedoch nur höchstens durchschnittliches Blockbusterentertainment ohne Tiefgang mit viel Krawall, aber auch Potential nach oben. Aber ob dieses Potential je wirklich genutzt werden wird? Man mag es bezweifeln.

OT: Teenage Mutant Ninja Turtles: Out Of The Shadows VÖ: 2016 Laufzeit: 112 Minuten FSK: 12 R: Dave Green D: Megan Fox, Stephen Amell, Will Arnett, Laura Linney
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Christian

Bildquelle: Paramount Pictures, Nickelodeon Movies, Platinum Dunes

Mother's Day (2010)



Darren Lynn Bousman ist mit seinen Saw II-IV Inszenierungen bereits ein erfahrener Regisseur in Sachen expliziter Horrorfilme und so war es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet ihm das Remake des 80's Troma Klassikers Mother's Day anvertraut wurde. Doch Bousman hielt es nicht für notwendig Charles Kaufmans Film 1:1 nachzudrehen und siedelt die moderne Version des Kultfilms im vor wenigen Jahren noch höchst angesagten Terrorkino an. Mit mäßigem Erfolg...

Die frischen Hausbesitzer Daniel und Beth feiern mit ihren Freunden eine nette Party im neuen Anwesen, doch plötzlich dringen flüchtige Bankräuber in die vier Wände ein und nehmen Geiseln. Als dann auch noch die Mutter der Ganoven ihren Auftritt hat, ist der Gewaltexzess vorprogrammiert. Bousmans brutaler Thriller offenbart besonders zu Beginn ein enormes Tempo und bietet eine durchaus interessante Ausgangssituation. Im Jahr 2010 basiert Mother's Day jedoch nur noch sehr lose auf den in Deutschland vor allem durch die Gewaltvideodebatte bekannt gewordenen Trashhorror Muttertag, der jedoch durch seinen politischen Unterton und einige intelligente Einfälle noch heute viele Fans hat. Letztlich bleibt 2010 nur die krankhafte Beziehung zwischen der dominanten Mutter und ihren gewaltätigen Söhnen übrig. Herum gebastelt hat man dann einen klassischen Home Invasion Film mit Torture Porn Anleihen. Schade, denn als psychologischer Horror funktioniert der Streifen. Mother's Day hat es eigentlich nicht nötig, dass Darren Lynn Bousman auch sein geschätztes Saw-Publikum mit einigen sehr deftigen Gewaltspitzen für den Film gewinnen wollte. Die Gewalt ist dabei schmerzhaft und recht realistisch. Anders als die comichaft übertriebene Gewaltzeichnung im Original.


Auf kreativer Ebene zeigt sich mal wieder Bousmans sprödes Handwerk. Visuell passiert nie etwas aufregendes. Aber immerhin hat man auf die Editing-Orgien aus Bousmans Saw-Filmen verzichtet. Mother's Day ist übrigens größtenteils ein Kammerspiel, mit einigen wenigen Szenen außerhalb des Anwesens von Daniel und Beth. Das fordert die Darsteller und die machen ihre Sache schon recht gut. Besonders die bekannteren Schauspielerinnen Rebecca De Mornay (Risky Business) und Jaime King (Sin City, My Bloody Valentine) überzeugen. Lediglich von Frank Grillo (Warrior, Zero Dark Thirty, The Purge 2+3) hätte ich etwas mehr erwartet. Leider handeln die Figuren im Film äußerst hilflos und besonders dumm. Fünf der Freunde sind zusammen mit einem bewaffneten Ganoven in einem Raum. Es liegen genug brauchbare Gegenstände (z.B. ein Billard Queue) in der Nähe. Und es passiert nichts, selbst als der Verbrecher ihnen den Rücken zukehrt. Da der Film generell zu viele Figuren aufweist und zu wenig Zeit aufgebracht wird um ihnen charakterliche Tiefe zu verleihen, mangelt es leider auch extrem an emotionaler Bindung. Ja, der Film ist an vielen Stellen spannend, aber bewegend eher weniger. Immerhin gibt es ein paar brauchbare Twists. Leider ist der Tonfall für diese rudimentäre Geschichte viel zu ernst gewählt. Etwas Humor, wie im Original hätte Mother's Day auch Anno 2010 noch gut gestanden. So bleibt am Ende nur ein ganz netter, ziemlich brutaler Home Invasion Thriller übrig, den man eigentlich nicht mal im entferntesten als Remake des chaotisch-anarchistischen Troma Kultfilms bezeichnen könnte.

OT: Mother's Day DT: Mother's Day - Mutter ist wieder da! VÖ: 2010 Laufzeit: 112 Minuten FSK: 18 R: Darren Lynn Bousman D: Rebecca De Mornay, Jaime King, Patrick John Flueger, Deborah Ann Woll, Frank Grillo
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Christian

Bildquelle: Studio Canal

Lights Out (2016)



Rebecca hat das Elternhaus früh verlassen. Die eigenen Dämonen und besonders jene ihrer schwierigen Mutter haben ihr Leben nicht einfach gestaltet. Doch alles schien sich zum positiven zu entwickeln, bis Beccas Stiefvater stirbt und ihrem kleinen Bruder ein ähnliches Kindheitsschicksal droht. Ein unheimliches Wesen, welches nur in der Dunkelheit erscheint, gefährdet erneut das Leben und den Zusammenhalt einer ganzen Familie. Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Seht euch Lights Out an! Möglicherweise wird es in diesem Jahr keinen besseren Horrorfilm auf der großen Leinwand zu bestaunen geben.

Lights Out macht alles besser. Besser als all die Geister- und Creaturefilme der letzten Jahre. Reduziert auf die wesentlichen Elemente eines großartigen Horrorstreifens. Lights Out ist pures Adrenalin. Der schwedische Regisseur David F. Sandberg liefert ein blitzsauberes, hochspannendes Spielfilmdebüt ab, welches auf einem eigenen Kurzfilm basiert, der u.a. dafür sorgte, dass sich Horrorstarregisseur James Wan (The Conjuring) Sandberg annahm und dessen Lights Out mitproduzierte. Eine größere Auszeichnung kann man momentan im Genre gar nicht bekommen. Sandberg wird im übrigens die Fortsetzung zu Annabelle drehen und versprach bereits im Vorfeld sämtliche Fehler des Vorgängers korrigieren zu wollen. Jedenfalls legt Lights Out ein abnormales Tempo vor. Die Story ist auf knappe 80 Minuten gebrochen und dennoch fehlt nichts. Die Figuren haben Tiefe, die Story ist ausgefeilt und Lights Out bietet einiges auf der audiovisuellen Ebene. Die Effekte sind mehr als gelungen, der Sound großartig und atmosphärisch gehört Sandbergs Film zur Oberliga.


Was Lights Out auszeichnet sind die tollen Figuren. Alle sympathisch und alle handeln authentisch und plausibel. Die Menschen reagieren so wie es vermutlich echte Menschen tun würden. Selten und lobenswert. Die gelungene Besetzung äußert sich als weiterer Pluspunkt des Horrorfilms. Teresa Palmer (Warm Bodies, Triple 9) zeigt, dass sie einen Film auf ihren Schultern tragen kann und ist in meiner persönlichen Gunst noch mal deutlich gestiegen. Kinderdarsteller Gabriel Bateman zeigt ein weiteres mal sein Talent und Maria Bello als psychisch kranke Mutter überzeugt ebenfalls. Generell ist es übrigens bemerkenswert, wie elegant und emotional Sandberg sein Konstrukt um dieses Familiendrama über physische Krankheiten spinnt, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang den Unterhaltungswert zu senken. Als wäre das nicht genug, ist Lights Out auch noch einer der gruseligsten und effektivsten Horrorfilme der letzten Zeit. Nicht nur die schaurige Stimmung lässt den Puls nie ruhen, auch die grandiosen Jump Scares sind ein echter Knaller. Der Film war so aufregend, dass zwei Typen in der Reihe vor mir vorzeitig den Saal verlassen haben. Kommentar: "Du ich halt das nicht mehr aus, mein Herz, lass uns rausgehen." Aber stimmt schon, auch ich habe mich in den letzten Jahren selten so erschreckt wie bei Lights Out und das heißt wirklich was. Über das überraschend gute Ende haben wir da noch nicht mal geredet...

Lights Out bekommt eine klare Empfehlung von mir. Kurz und knackig, im Vergleich zu langweiligen anderen Genrevertretern irgendwie entschlackt, lehrt uns Sandberg Furcht und Schrecken. Die moderne, aber auf Klassikern basierende Inszenierung, die starke Besetzung und die großartige Atmosphäre lassen keinen anderen Eindruck zu, als dass es sich bei Lights Out möglicherweise um den besten Horrorfilm des Jahres handelt. Was für eine Überraschung.

OT: Lights Out VÖ: 2016 Laufzeit: 81 Minuten FSK: 16 R: David F. Sandberg D: Teresa Palmer, Maria Bello, Alicia Vela-Bailey
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Christian

Bildquelle: Warner Bros.

Saw II (2005)



Nach dem Erfolg des Originals musste die Cash-Cow am Leben gehalten werden und so nutzte man ein längst verstaubtes Drehbuch von Darren Lynn Bousman, welches rein gar nichts mit dem Saw Franchise am Hut hatte und ermutigte den Autoren auch noch direkt dazu dieses Drehbuch selbst zu inszenieren, aber eben als Teil der Saw-Reihe. In Saw II wurde nach den Ereignissen des ersten Teils ein weiteres Opfer des Jigsaw-Killers gefunden. Und auch Jigsaw selbst kann von Detective Eric Matthews festgenommen werden. Doch all das ist nur Teil des finsteren Jigsaw-Plans in dem vor allem Matthews Sohn eine sehr große Rolle spielen wird...

Anders als im Vorgänger ist dieses Mal eine größere Gruppe Menschen, scheinbar aussichtslos, in einem Gebäude voller tödlicher und gefährlicher Fallen eingesperrt. Darunter der Sohn, des im Jigsaw-Fall ermittelnden Detectives. Jener versucht natürlich das Leben seines Sohnes zu retten und erfährt auf dem Weg dorthin so einiges über die Psyche des Jigsaw-Killers. Und darin liegt eigentlich auch schon mit die einzige im Vergleich zum Original dazugewonnene Stärke. Sowohl Jigsaw, als auch die eingesperrten Insassen erhalten deutlich mehr Hintergrund und Geschichte. Unterhaltsamer als das Original ist Saw II auch, jedoch längst nicht so spannend, auch wenn die Fortsetzung ebenso auf eine twistorientierte Erzählung setzt wie der Vorgänger.

Besonders kreativ an Saw II sind jedoch nur die fiesen Fallen Jigsaws. Die Szene in der Nadelgrube dürfte zu den wenigen Highlights des gesamten Franchises zählen. Man sieht dem Horrorfilm deutlich an, dass das Budget im Zuge des bahnbrechenden Erfolgs des Erstlings gewachsen ist. Dennoch legt auch Regisseur Bousman wert auf einen düsteren, schmutzigen Grittylook. Das passt aber zur Stimmung. Der Aufbau von Saw II ist nahezu identisch mit dem Vorgänger. Es gibt das Kammerspiel und auf der anderen Ebene die Ermittlungsarbeit. Jedoch bekommt letztere deutlich weniger Erzählzeit zugesprochen. Eine gute Entscheidung.


Saw II wiederholt eigentlich so ziemlich alle Schwächen des Vorgängers. Die Schauspieler sind wieder nur zum Zweck anwesend. Neben Tobin Bell, Donnie Wahlberg und Dina Meyer sind hauptsächlich Seriennebendarsteller mit an Bord. Die Figuren sind leider so mies geschrieben, dass man keinerlei Sympathien verteilen kann. Vielleicht der größte Schwachpunkt der ganzen Reihe. Die meisten Figuren nerven dagegen sogar noch zusätzlich. Ja die Welt von Saw ist dunkel, böse und gemein, aber für einen guten Film benötigt man eben auch gute Figuren. An Technik mangelt es bei diesem Schnelldreh auch wieder. Der Schnitt ist grausig und die Kameraführung wie schon im Vorgänger zumindest gewöhnungsbedürftig.

Und warum wiederholt - da greife ich schon mal die nächsten Reviews vorweg - eigentlich jeder Eintrag im Saw-Franchise den Fehler, sämtliche Twists bis auf den letzten Schritt aufzulösen und so zu erklären, dass auch noch der unaufmerksamste Zuschauer denken kann: "Oh da habe ich ja nichts verpasst!". Liebe Autoren, Regisseure und Produzenten - wir sind nicht doof. Wir verschwenden zwar massig Geld im Jahr an viele eurer mittelmäßigen Filme, aber doof sind wir nicht. Letztlich ist Saw II ein stellenweise nerviges, teilweise auch grundsolides Sequel. Nicht mehr und nicht weniger.

OT: Saw II VÖ: 2005 Laufzeit: 92 Minuten FSK: 18 R: Darren Lynn Bousman D: Tobin Bell, Shawnee Smith, Donnie Wahlberg
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Christian

Bildquelle: Twisted Pictures, Studio Canal, Lionsgate, Kinowelt

Saw (2004)



Sowohl für Regisseur James Wan als auch für das gesamte Horrorgenre war der Thriller Saw ein absoluter Game Changer. Ähnlich wie zu ihren Zeiten Halloween oder Blair Witch Project sollte der Low Budget Streifen um den Jigsaw-Killer prägend für ein ganz neues Subgenre sein. Dem sogenannten Torture Porn. Doch anders als viele in der Folge entstandene Ripoffs, Sequels und Nachahmer, galt Saw bis dato immer als intelligentes Aushängeschild in ansonsten meist inspirationslosen Gefilden. Doch ist das wirklich so?

Die Antwort ist klar und deutlich: Nein! In der Retrospektive, die ich hier recht früh ansetze, kommt der Film schon nicht mehr so gut davon wie zu Zeiten des Releases. Dabei liegt es nicht mal an den endlosen in dichter Staffelung veröffentlichten Sequels, die zwar auch am Wert des Erstlings genagt haben, sondern viel mehr an zahlreichen formellen Schwächen des Durchbruchwerks von James Wan. Auf den ersten Blick ist der Handlungspfaden um die zwei völlig verschiedenen Männer, die ahnungslos und festgekettet in einer alten, keimigen Nasszelle aufwachen und Opfer eines perfiden Spiels des Jigsawkillers werden zwar frisch und mehr als spannend erzählt, auf der anderen Seite wird dieses ziemlich originelle Kammerspiel immer wieder durch Szenen unterbrochen, die so wirken als wären sie aus einem billig produzierten Se7en Abklatsch entsprungen. Danny Glover und Ken Leung sind eben nicht Morgan Freeman und Brad Pitt. Dauernd wird der Erzählfluß durch Flashbacks und Mordszenen, die aus einem epileptischen MTV-Video entsprungen scheinen, förmlich aufgehoben. Alles an Saw müffelt nach Low Budget. Dadurch, dass sich die Handlungsstränge zwar weitestgehend in Räumen abspielen fällt das kaum auf und wirkt stimmig, auf der anderen Seite kann man einen B-Movie-Flair so nicht grade verhindern. So schränkt das Budget den Film auf der einen Seite maßgeblich ein, auf der anderen lässt sich so vielleicht auch kreativer arbeiten.


Auch die Darsteller sind maximal durchschnittlich, einige sogar weit davon entfernt. Den Tiefgang der Figuren und der Geschichte täuscht Saw nur vor. Der Film ist weit von genreähnlichen Werken wie eben Se7en oder The Silence Of The Lambs entfernt. Saw ist auch nicht besonders gruselig. Die Gewalt ist ziemlich explizit dargestellt, aber eher abstoßend als schaurig. Der Kammerspielanteil ist wie angesprochen tatsächlich recht spannend, vor allem da der Zuschauer nie mehr weiß als die beiden Protagonisten. Aber alles abseits dieses Erzählstranges wirkt bedeutungslos und ist vor allem sehr langweilig. Dennoch kam der Film überragend bei den Zuschauern an und zwar nicht nur bei den Horrorfans. Ein Grund dafür mag in der Effektivität liegen, die sich vor allem im entscheidenen Twist offenbart. Ja das war wirklich nicht abzusehen.

Am Ende passt auch plötzlich der vorher ziemlich nervtötende Industrial-Score. Doch als sich das Pacing in den letzten Minuten merklich erhöht, passt selbst das plötzlich. Generell sind die ersten und die letzten Minuten die großen Momente des Films. Hier zeigt James Wan auch schon im Ansatz die Qualitäten, die sich aber erst später bei The Conjuring und Insidious offenbaren sollten. Letztlich ist Saw stellenweise ein Blender, der längst nicht so gut ist wie oft geschildert. Um es anders auszudrücken, der Film ist sehr twistorientiert. Saw liefert zwar ein paar zentrale Momente, aber eben auch viele nichtssagende Sequenzen und Montagen, die den Film verzweifelt auf Länge bringen wollen. James Wans Mainstreamdebut ist ein Film der seinem weitestgehend positiven Ruf über zehn Jahre später kaum noch gerecht wird. Etwas raffinierter als sein Sequels ist er dennoch und es ist immer wieder erstaunlich, dass Saw zwar die Torture-Porn-Welle in Gang setzte, aber eigentlich gar nicht so explizit ist wie vieles was danach auf unseren Bildschirmen flimmerte.

OT: Saw VÖ: 2004 Laufzeit: 103 Minuten FSK: 18 R: James Wan D: Danny Glover, Tobin Bell, Dina Meyer, Cary Elwes
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Christian

Bildquelle: Twisted Pictures, Studio Canal