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God Bless America (2012) - Fantasievolle Krieger – Ein mehr oder weniger Roadmovie



Joel Murray (ja, der Bruder von Bill Murray) heißt dieser nette Kollege (auch Hauptprotagonist genannt), der beim ersten Auftreten ein wenig so aussieht, als hätte ein Frosch versucht, zu einem Menschen zu werden. Aber schon nach kurzer Zeit – hat man die, wenn ich mich richtig erinnere, dritte Anfangsszene erstmal verdaut – lernt man ihn als den Charakter, den er darstellt, kennen und vielleicht sogar lieben.
Seine Schauspielkunst ist nicht von großen Gesten geprägt, zumindest ist eher die völlige Abwesenheit der Fall, aber – das macht den Charakter Frank aus.
Er ist verwundet (wenn auch nicht direkt im körperlichen Sinne), aber noch viel mehr ist er müde und hat die ganze Welt wortwörtlich satt. Man, beziehungsweise ich zu einem gewissen Teil, kann das verstehen. Über 40 Jahre alt ist er, hat keinen richtigen Halt im Leben und die so heißgeliebte Glotze gibt nur einen Einblick in ein/e Welt/bild, das gerade-verkehrt auf dem Kopf steht. Die verwöhnte, noch nicht mal aus der Pubertät gekommene Tussi reicher Eltern heult und schreit wie ein wildgewordener Köter, weil die Eltern ihr nicht das richtige Auto gekauft haben. Irgendwelche ruhmgeilen, anorektischen (muss man leider sagen) Möchtegern-Models bewerfen sich mit Dingen, die lieber in der Unterhose bleiben sollten und dazwischen: Völlig sinnlose Stunteinlagen in „Duff Nutz“ (=„Duff“ = dumm, nutz = Nüsse. Also „dumme Nüsse“. Ganz eindeutig eine Anspielung an „Jackass“.)
Aber nichts hat Joel Murray auf „American Superstars“ und dessen offensichtlich geistig unzurechnungsfähigen Kandidaten vorbereitet…

Warum ich heute gleich so in die Vollen schnelle?
Weil ich mit dem Filmtempo von God Bless America mithalten möchte!
Aber legen wir doch einen kurzen Stopp ein.
Nur so, für philosophische Zwecke. Um dem ganzen Mal ein wenig näher auf dem Zahn fühlen zu können.

Was ist übrig geblieben vom Amerikanischen Traum?
Eine Frage, die fast wie am Laufband immer und immer wieder gestellt wird, besonders in Filmen. (The pursuit of happiness = das Streben nach Glück, um nur eines zu nennen.)
Und die Antworten sind in erster Linie… verschieden. Mal enden sie traurig, mal enden sie mit einem kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont, aber nicht oft enden sie wirklich positiv.
Das liegt in erster Linie daran, dass diesem Scheitern Probleme komplexer Natur unterliegen. Probleme, die überall hinreichen: Finanzielles, Soziales (Wichtiger Hauptbestandteil!), Wirtschaftliches, Politisches. Wir sind alle nur ein kleines Zahnrad (könnte man anhand dieser Filme meinen) und nicht gefeit vor Problemen dieser Art. Und wenn man mal drin ist – tja, dann ist man auch schon „Gefangener“ des Systems.
Aber dann gibt es doch diese Fantasie, dass man sich wehren könnte…

Roxy ist ihr Name, also, im Film. In Wirklichkeit heißt sie Tara Lynne Barr und ihr sitzt der Kopf anscheinend genauso verkehrt auf dem Hals, wie im Film – bei Tara Lynne Barr geht es echt rund. Soweit man dem Bild glauben kann, dass sie von sich auf Twitter präsentiert.
Aber, diese Frau sprudelt nur so vor Ideen. Das sieht man ihr an. Und diese Verrücktheit gibt ihr in Fiktion oder Realität, Film oder Nicht-Film einen ganz besonderen Charme, der ein wenig Farbe in die ganze Sache bringt. Und gerade bei God Bless America tut es wirklich gut.
Natürlich, auch hier wurde das Rad nicht neu erfunden (wir reden hier von einem dreiviertel Roadmovie!!) und ich bin mir sicher, der ein oder andere wird diese Darstellerin nervtötend und vielleicht sogar klischeehaft-verrückt finden, aber ich persönlich mag die Farbauswahl, die sie ins Spiel wirft. Schlussendlich lebt dieser Film, schon allein wegen Franks „Stummheit“ zu einem Großteil von Tara Lynne Barrs/Roxys Verrücktheit.
(An dieser Stelle: Ja, ich gebe es zu. Als Frau mag ich diese Frau einfach – im Bewunderungssinn.)
Aber es tut einfach gut und ich denke, dass es sicher auch Jungs/Männern so geht, nicht immer dieselbe Art aus der Gruppe der pubertierenden Mädchen sehen zu wollen. Es darf auch mal (schrauben-)locker sein.

Zurück im Universum, uns läuft sonst die Zeit davon – bevor sich die zwei schraubenlockeren treffen, geht bei Frank also so einiges schief. Das führt uns auch relativ schnell schon direkt in den Kernpunkt des Films. Und ich entschuldige mich im Vorhinein für die erneute Philosophie-Stunde:
„Wieso halten wir an einer Zivilisationsform fest, wenn keiner sich zivilisiert verhält?“ Frank, zu einem Arbeitskollegen.
– Gute Frage.
Aber sie wird hier nicht in allen Details geschildert. Eher hat man das Gefühl, an vielen Problemen anzuklopfen, aber es wird nicht wirklich eingetreten. Denn davor wird entschieden, mehr oder weniger davon zu laufen. Auch alles andere als ein neues Konzept – ein Mädchen und ein alter Sack (entschuldige, Murray) laufen gemeinsam Amok. Eine ausreichende Portion Sozial- und Medienkritik und zu der Bonny und Clyde-Geschichte, die durch die Altersdiskrepanz doch etwas Schwung bekommt, gibt es einige farbenfrohe Idyllen und schlussendlich Gespräche, die sich etwas im Kreis drehen, aber gerne angehört werden.
Und - wenn man von dem wenigen Geballer hier und da absieht, vielleicht, wenn man sich der „dunklen Seite“ in einem öffnet, sogar versteht.

Das Ende lasse ich bewusst offen. Mein direktes Fazit; Folgendes: Zieht euch diesen Film rein. Es ist nicht besonders viel rationales Denken in diesem Film vertreten, alles wird überspitzt erzählt und manchmal doch die große Moralkeule geschwungen.
Aber er ist, zuletzt für mich, gefundenes Fantasie-Futter.
So in etwa, wie wenn der Chef ein dermaßen blöder Vollhorst ist, dass man sich zumindest vorstellen muss, ihm eine reinzuhauen.
Diese Vorstellung macht diesen Film aus und sie gibt auch gleichzeitig eine Antwort auf die Frage, die wir uns vorher gestellt haben.
„Was bleibt am Ende übrig vom amerikanischen Traum?“

Hier - zwei völlig unterschiedliche, abstruse Persönlichkeiten, die in ihrer Notlage einen neuen Krieg anzetteln, obwohl sie den alten noch längst nicht beendet haben.

Tja. Wenn das nicht eine konstruktive Lösung aus Amerika ist…


Oh.
Bevor ich es vergesse:

God Bless America!


P.S.: Die Musik im Film ist ganz schön geworden. Tara Lynne Barr & Joel Murray haben in einer Art Freundschaftsprojekt ein Video zu dem Song „Missing Mountains“ gedreht. Zu finden auf Youtube. Eher was für ruhige Stunden. 

Yannie

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