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Tokyo Fist (1995)



Tokyo Fist tut weh. Jede Szene schmerzt. Der Film ist ekelhaft, zuweilen pervers. Die Beschreibung "verstörend" wäre in jedem Fall untertrieben. Und so wollte ich den Film einige Mal ausschalten. Warum ich es nicht tat? Warum man einfach nicht wegschauen kann und dann doch mit der Fernbedienung in der Hand gespannt vor der Röhre bleibt?

"At least I don't have any problems staying awake anymore."

Die Antwort ist recht simpel. Der Film übt eine ungemeine Faszination aus. Die grandiose Inszenierung wechselt sich ab mit der Frage: "Was geht hier eigentlich vor sich?". Einige Leute behaupten Tokyo Fist sei die japanische Version von Fight Club, aber eigentlich haben die beiden Filme nicht viel gemein.

Die Story selbst ist so abgefahren wie die audiovisuelle Umsetzung. Ein langweiliges, konservativ wirkendes Paar durchlebt einen abgründigen, perversen Exzess, nach dem ein ehemaliger Freund, ein Boxer, in ihr leben tritt und eine Dreiecksbeziehung entsteht, die ihres gleichen sucht. Doch die beiden Männer sind nicht nur durch das Interesse an der selben Frau verbunden, sondern auch durch ein düsteres Erlebnis in ihrer Vergangenheit.

Was dann alles auf dem Bildschirm passiert ist kaum zu ertragen. Pure, ausartende Gewalt. Selbstverstümmelungen. Schmerzen ohne Ende. Dialoge spielen eine untergeordnete Rolle. Die Bilder sind es, die die Geschichte mit all ihren Emotionen erzählen. Die Tiefgründigkeit des Films entpuppt sich dabei nicht sofort. Letztlich sind die Motive aber klar. Die Ödnis und Tristesse des Alltags, untermalt vom Leben des Versicherungsvertreters Yoshiharu, der fast grundsätztlich zwischen den grauen, riesigen Hochhäuserblocks Tokios gezeigt wird. Der Kampf um die innere Freiheit, zu erkennen an Yoshiharus Freundin Hizuru, die sich plötzlich befreit fühlt und das in einem selbstverstümmelnden Piercing-Kult demonstriert. Einsamkeit und die Geschlechterrolle spielen ebenfalls eine tragende Rolle.


Während Regisseur Tsukamotos Leitmotiv in seinen brachialen Tetsuo Filmen kaltes, nacktes Metall war, ist es hier körperlicher, die menschliche Haut und die Knochen. Alles wird zerschlagen, zerstört, verstümmelt und deformiert. Passend dazu gibt es immer wieder extreme Close-Ups auf Gesichter, die Szenen selten unbeschadet überstehen. Welche Wirkung die audiovisuellen Ideen Tsukamotos ausüben können, konnte man schon im bahnbrechnenden Klaustro-Horror Haze bewundern, einer meiner Lieblingshorrorfilme. Leider verkommt die eigentliche Handlung im späteren Verlauf zum schnöden Beiwerk, während man sich in immer schlimmeren visuellen Albträumen verfängt. Die Story erstickt in der Bildgewalt. Abzüge gibt es ebenfalls für den Score. Zwar ist der Industrial-Einschlag aus den anderen Filmen Tsukamotos bekannt, aber irgendwie wirkt er nicht ganz passend für Tokyo Fist.

Für das westliche Blockbuster-Publikum dürfte Shinya Tsukamotos körperlich und mental grenzwertige Erfahrung kaum zu ertragen sein. Wer sich aber mal austesten will, erlebt einen größtenteils eindrucksvollen, unkonventionellen, japanischen Klassiker.

OT: Tokyo Fist JT: Tokyo Ken VÖ: 1995 Laufzeit: 87 Minuten FSK: 18 R: Shinya Tsukamoto D: Kaori Fujii, Kôji Tsukamoto, Naomasa Musaka
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Christian

Bildquelle: Rapid Eye Movies,

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