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Die Mannschaft (2014)



Yeah! Weltmeister! Was war das nicht für ein wundervoller Fußball-Sommer 2014? Der DFB hat sich dazu entschlossen relativ spontan einen Kinofilm über die Ereignisse der Weltmeisterschaft in Brasilien aus der Sicht des deutschen Teams zu veröffentlichen. Im Vorfeld geplant war das nicht wirklich. Und das merkt man dem Film leider in jeder Sekunde an...

Sportereignisse sind seit jeher prädestiniert für Dokumentarfilme. Selbst über Fußballweltmeisterschaften gibt es genügend sehenswerte Filme. Nicht zuletzt Sönke Wortmanns Deutschland, ein Sommermärchen ist ein absolut sehenswertes Stück Zeitgeschichte. Der Film lieferte wunderbar unverfälschte, intime Einblicke in die deutsche Nationalmannschaft und zeigt auch mal kritische Momente im Laufe des Turniers. Die Mannschaft dagegen, möchte gar keine neuen Erkenntnisse liefern.

Letztlich sieht man im Film einen Ablauf in Endlosschleife. Lustiger Moment - Abfahrt - Busfahrt - Spielszenen. Bei aller folgenden Kritik, sei aber bereits erwähnt, dass Die Mannschaft es natürlich schafft unsere Emotionen des Sommers zu wecken und zu reanimieren, ohne Frage. Aber dafür sorgen ja schon die Spielszenen und Tore der deutschen Mannschaft. Dafür war kein Film nötig, schon gar kein Film der so künstlich, so produktorientiert und so verwaschen ist, wie selten zuvor. Kein Wunder, es flackert bereits zu Beginn groß das FIFA-Logo über die Leinwand. So bekommt der Zuschauer ausschließlich positive und lustige Momente zu sehen. Keine Spieler, die sich während der Busfahrten über die Armut in den Straßen wundern. Stattdessen, Helene-Fischer-Wohlfühl-Oase, eingetaucht in Bilder, die wir bereits zum Großteil aus dem TV kannten. Interviewschnipsel vom Trainerstab und von Spielern, die alle sympathisch sind, aber über oberflächliche Floskeln nie hinausgehen.

Wirkliche Lichtblicke sind nur die wenigsten Momente. In der Regel dafür verantwortlich sind Per Mertesacker und Thomas Müller. Ansonsten sorgen die nahezu immer identischen Bilder von Busfahrten, Abreisen und Anreisen schon fast für Running Gags. Auch die Ansprachen, mal von Lahm oder Weidenfeller, mal von Löw haben nie die Intensität von Wortmanns Sommermärchen. Dafür ist die Optik des Films meistens zu wenig Film, zu viel zufälliger Mitschnitt oder TV-Niveau.

Wichtig für einen solchen Film ist natürlich auch die Darstellung der sportlichen Ereignisse. Die Spiele des deutschen Teams werden je in knapp 2-3 Minuten hektisch zusammengeschnitten. Keine Ruhe, kaum Zeit zum genießen. Exemplarisch wird das Finaltor nicht in seiner Entstehung gezeigt, sondern viel mehr eine Sekunde bevor der Ball im Netz einschlägt. Wirklich schade. Auch die Entscheidung die Chronologie nur in zwei Punkten abzuändern ärgert mich. Warum läuft das 7:1 über Brasilien zu Beginn des Films?

Durchgängig wird der große Zusammenhalt des Teams hervorgehoben und gelobt. Wie dieser entstanden ist, bekommen wir nicht zu sehen. Es sei denn, er ist dadurch entstanden, dass die Spieler pausenlos auf ihre Smartphones starren. Das bekommt der Zuschauer häufig zu sehen. Ich hoffe die Jungs hatten auch andere Aktivitäten in Brasilien, sonst müssen die vier Wochen extrem lang gewesen sein. Generell fehlt vieles und vieles wirkt zuviel.

So sind die Ansprachen von DFB-Präsident Niersbach richtige Stimmungskiller im Film. Spätestens dann merkt man, dass FIFA und DFB hier völlig unkritisch agiert haben und unreflektiert die Ereignisse lobhuldigen. Selbst der von mir sehr geschätzte Bastian Schweinsteiger wird zitiert, wie er FIFA-Präsident Sepp Blatter für diese Weltmeisterschaft dankt. Dass er sich über die netten Leute und das schöne Wetter in Südamerika freut ist klar und sicher auch ehrlich, die ganze Szene wirkt jedoch sehr befremdlich, da er Blatter regelrecht anbetet, wenn auch nicht ohne ironischen Unterton.


Obwohl der Film ein Mittendrin-Gefühl vermitteln will, bleibt der Zuschauer extrem auf Abstand. Emotional gepackt wird er außerhalb der Spielszenen selten. Lediglich die Fahrt zum Brandenburger Tor am Ende entschädigt etwas. Ansonsten scheinen die Kameras grundlegend zu distanziert. Im Vergleich dazu sorgen die Fotos des Finalabends und den folgenden Feierlichkeiten von Paul Ripke im Buch "One Night in Rio" für mehr Gänsehaut, als die bewegten Bilder des Films. Schon strange, aber logisch, da dieser nicht gestellt fotografierte und sich auch traute auf die Spieler zuzugehen. In Die Mannschaft müssen wir uns mit TV-Reste-Rampe und oft wackeligen, unfokussierten Aufnahmen begnügen, die wohl ohne WM-Titel nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätten.

Neben Deutschland, ein Sommermärchen gab es auch nach dem WM-Sieg 1990 eine Dokumentation der öffentlich-rechtlichen Sender. Italia 90 zeigte ebenfalls intime Einblicke, gepaart mit den Menschen und Leuten Italiens, mit ehrlichen Interviews, die auch mal die kritischen und nicht wunderlandmäßigen Ereignisse beleuchteten. Großartig und noch heute sehenswert. Es ist eben auch bei einem WM-Sieg nicht alles Jubel, Freude und Heiterkeit. Was haben zum Beispiel die Dortmunder 0-Minuten Weltmeister über ihre nicht vorhandenen Einsatzzeiten gedacht? Wie hat es Per Mertesacker verkraftet seinen Stammplatz während des Turniers verloren zu haben? Als Strapazen werden maximal die langen Reisewege angedeutet. Der körperliche Kraftakt eines vierwöchigen Turniers nach einer langen Saison wird jedoch nur unzureichend, eigentlich gar nicht dargestellt. So bleibt alles sauber und heiter. Schade!

Stattdessen gibt es Tischtennis und unspektakuläre Trainingsszenen im Zeitraffer zu sehen. Ein Jammer. Man ist förmlich überrascht, dass es immerhin Per Mertesackers unkonventionelles, medienkritisches Interview nach der Algerien Partie in den Film geschafft hat.

Genug der Kritik, denn man muss den 90 Minuten auch lobend anmerken, dass sie kurzweilig und größtenteils trotzdem unterhaltsam sind und uns immerhin zeigen, dass 2014 nicht in allen Belangen ein schlechtes Jahr für diese Welt war und wir, wenn man denn Fußballfan ist, zumindest für einen Monat unsere Alltagssorgen vergessen konnten.

Man sieht auch häufig, dass die Nationalspieler selbst gefilmt haben. Diese Aufnahmen wären für die Fans sicherlich spannender gewesen. Keine Sorge, ich freue mich riesig, dass es überhaupt einen Film zu diesem Ereignis geschaffen wurde, aber genießen konnte ich ihn selten, da ich wusste, dass mit Mühe, Kreativität und den richtigen Leuten ein wesentlich wichtigeres und besseres Dokument hätte aufgenommen werden können. So bleibt Die Mannschaft nur ein liebloser Zusammenschnitt von mal mehr, mal weniger bedeutenden Momenten, ein Film, schon gar ein guter, ist der Stoff jedoch nicht, eher eine ZDF-Sportreportage in Überlänge.

OT: Die Mannschaft IT: The Team VÖ: 2014 Laufzeit: 90 Minuten FSK: 0 R: Jens Gronheid, Ulrich Voigt, Martin Christ D: u.a. Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Per Mertesacker
Trailerlink

Christian

Bildquelle: FIFA, DFB, Constantin

P.S.: Wer eine schöne WM-Doku sehen möchte, schaut sich Italia 1990 auf YouTube an!

Kommentare:

  1. Ich kann 3 Punkte nicht nachvollziehen. Diese Doku ist viel schlechter. Die Spielszenen sind die gleichen wie im Fernsehen. Was hinter den Kulissen passiert, wird im Zeitraffer gezeigt. Keine kritische Haltung zu den Spielen in Brasilien (Massenunruhen etc.), stattdessen Bilder von fußballbegeisternden brasilianischen Kindern. Man sucht permanent nach der Kotztüte bei all der Harmonie.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/01/11/die-mannschaft-2014/

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    1. Wenn Sie den Text gelesen hätten, wüssten Sie, dass ich die selben Dinge kritisiert habe. Filme sind aber auch Unterhaltung und Abhängig von der eigenen Stimmung. Und damit rettet sich der Film für mich ins Mittelmaß.

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