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Everly (2015)



Eine Review zu Everly zu schreiben ist nicht einfach. Direkt nach Sichtung stellten sich mir mehrere Fragen: Wieso sieht Salma Hayek so verdammt gut aus? Wieso bekommt sie mehrere glatte Durchschüsse ab und hopst dennoch so quietschfidel durch ihr zerklopptes Appartment wie Muhammed Ali einst durch den Boxring? Wieso hat der Film alles, was mir an einem Actiontitel gefällt und schafft es dennoch nicht, mich vollends zu überzeugen? Um diese brennenden Fragen beantworten zu können ist etwas Reflexion nötig...

Everly
beginnt verzweifelt, wir hören höhnische Männerstimmen in dröhnendem Japanisch, immer wieder durchbrochen von schrillen Frauenschreien und dem kalten Klatschen von Fäusten, die auf menschliche Körper auftreffen. Sehen können wir vorerst nur Schwarz, doch langsam zeichnen sich Formen ab. Formen eines Badezimmers aus der Vogelperspektive und mitten darin der tätowierte Rücken einer geschundenen Frau, die sich verzweifelt in besagte Sanitäreinrichtung rettet und die Tür hinter sich zuschlägt. In diesen ersten Momenten fühlen wir die Schmerzen der Protagonisten und es baut sich direkt eine Bindung auf zu dieser wunderschönen Unbekannten mit dem schweren Schicksal. Bald erfahren wir, dass es sich um die Namensgeberin des Films handelt. Und Everly scheint ihr gekacheltes Gefängnis nicht fremd zu sein, denn sie öffnet sogleich den Spülkasten der Toilette und zieht eine Waffe hervor. Tränen rinnen über ihr Gesicht als sie die Handfeuerwaffe durchläd und mit dem Lauf direkt auf ihren Kopf ziehlt. Sollte der Film denn schon vorbei sein? Die Männerstimmen hinter der Badetür werden ungeduldiger, es ertönt zunächst ein Klopfen, dann ein Pochen und zuletzt ein Hämmern in Verbindung mit der nachdrücklichen Aufforderung, das WC doch bitte unverzüglich zu verlassen. Everly's Finger legt sich auf den Abzug...


Natürlich endet der Film an dieser Stelle nicht, denn es ist ja kein Kurzfilm sondern ein Langfilm. Nur ist es auch ein guter Langfilm? Die Antwort kann hier nur lauten: Jein! Denn Everly bietet in Bezug auf seine Unterhaltungsqualität sowohl taghelle als auch nachtschwarze Momente, so dass ein abschließendes, faires Urteil wie eingangs erwähnt entsprechend schwer fällt. Doch der Reihe nach: Everly entscheidet spontan, dass es doch ergiebiger wäre, den geplanten Suizid noch etwas zu verschieben und zunächst ihre Peiniger auf's Korn zu nehmen. Nachdem die in japanischem Stil überraschend luxuriös eingerichteten Wohnräume fachgerecht zerlegt und alle bösen Gangstertypen auf erfreulich drastische Art und Weise in Stücke geschossen wurden kehrt zunächst Ruhe ein. Wir erfahren, dass Everly die Geliebte eines sehr mächtigen Yakuza-Bosses ist. Dieser, von der Liebe übermannt, holte sie an seine Seite und bewahrte sie so vor einer Karriere als Gangsterbückstück. Lieb von ihm, denkt man, doch so lieb ist er gar nicht! Everly vergnügte sich nämlich nicht aus freien Stücken mit den Verbrechern, sondern wurde gekidnappt und zur Prostitution gezwungen. Und dass sie vom Regen in die Traufe kam wird uns noch schmerzlicher bewusst als wir erfahren, dass sie bereits seit 4 Jahren in ihrem goldenen Käfig gefangen gehalten wird. Ihre kleine Tochter hat sie niemals zu Gesicht bekommen und ihre Mutter ist krank vor Sorge um sie. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die Dinge recht trüb aussehen für unsere sexy Latina-Mama. Und auch die vom liebeskranken Ex-Lover ausgesetzte Kopfgeld von 65.000 USD macht die Sache nicht entspannter. In den nächsten 2 Stunden wird unsere ohnehin schon geschundene Hauptdarstellerin versuchen, Mutter und Tochter zu retten. Sie wird dabei mit zahlreichen skurrilen Kopfjägern, korrupten Polizisten und weiterem Leid konfrontiert werden und ob es ein Entrinnen gibt aus dieser Luxushölle weiß der liebe Gott allein. Zumindest zu diesem Zeitpunkt des Films.

Everly will vor allem eines: Unterhalten! Und das tut er (sie) definitv, soviel darf festgestellt werden. Wir brauchen sehr viel Verständnis für die zahlreichen Ungereimtheiten, Handlungslöcher und die übermäßige Sexualisierung der Titelheldin um diesen abgefahrenen Trip bis zum Ende durchstehen zu können. Mal wirkt Salma Hayek's gebrochene Heldin sehr zerbrechlich und verletzlich, dann wieder gibt sie die taffe Killerin, die es mehr oder weniger locker mit einer Heerschar von Gegnern aufnehmen kann. Immer dann, wenn sich Mitgefühl breitmacht (wie z. B. zu Beginn) wird dieses sofort danach wieder durch einige blutrünstige Kills zunichte gemacht. Versteht mich nicht falsch, die wirklich extrem kompromisslos und brutal inszenierten Tötungen sind einer der sehenswertesten Aspekte des Films. Hier wird wirklich alles gezeigt: blutige Einschüsse, Zerstückelungen, explodierende Körper und sogar durch Säure aufgelöste Eingeweide, alles ist auf dem Bildschirm und die rote Suppe spritzt in alle Richtungen, fein! Allerdings wird durch die übertriebene Gewaltdarstellung auch der Bezug zur Person Everly und ihrer Leidensgeschichte immer wieder unterbrochen und wir können uns nicht so recht entscheiden, ob wir sie nun umarmen oder uns hinter ihr verstecken möchten. Auch Everly's Tochter und Mutter bleiben weitgehend farblos und verkommen zu emotionalen Stilmitteln. Statt sich zwischen skurril/maßlos überzogen und gefühlvoll/ernsthaft zu entscheiden wandelt der Film über seine gesamte Laufzeit auf einem Mittelweg und ist somit nichts Halbes und nichts Ganzes.

Allerdings muss man sowohl Regisseur Joe Lynch als auch Salma Hayek zugute halten, dass der Film sehr respektvoll mit seiner Hauptfigur umgeht. Klar, den wohl doch überwiegend männlichen Zuschauern soll natürlich etwas für's Auge geboten werden, wenn Hayek ihren sich in ausgezeichneter Verfassung befindlichen Körper möglichst unverhüllt lässt. Jedoch gibt sich die gebürtige Mexikanerin schauspielerisch gewohnt routiniert und lässt uns mit jeder Faser ihres Körpers am Leid einer gepeinigten Mutter teilhaben, die ihr Kind noch niemals in die Arme schließen konnte und bleibt dabei über weite Teile des Films erschreckend greifbar.


Der für mich wichtigste Punkt des Filmes ist jedoch, dass er sich als reiner Actionfilm vollends auf eine weibliche Hauptrolle verlässt, ein sehr wichtiges Zeichen an Hollywood. Und dieses scheint zumindest allmählich zu begreifen, dass Frauen in Actionfilmen nicht nur bloße Augenweiden, sondern vollwertige Protagonistinnen sein können und sogar müssen. Denn Männerhelden fehlt sehr oft eine entscheidende Eigenschaft: Die Bereitschaft, Schwäche zu zeigen. Imperfektion hat beim männlichen Actionhelden nichts zu suchen, denn er hat Muskeln, ist stark und jederzeit Herr der Lage, wie aussichtslos diese auch zu sein scheint. Da tut es extrem gut, zur Abwechslung mal jemanden vorgesetzt zu bekommen, der weint, verzweifelt und nur noch vom Willen beseelt ist, die eigene Familie zu retten, koste es, was es wolle. Hier setzen Lynch und Hayek ein eindeutiges und wichtiges Zeichen, welches höchsten Respekt verdient und eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass Emotionalität und Härte sich nicht generell ausschließen sondern - richtig eingesetzt - gut ergänzen. Bravo für diesen mutigen Schritt!

Everly mischt übermäßige Gewalt mit einer gehörigen Portion Kammerspiel und etlichen, teils skurrilen Antagonisten und bleibt dabei über seine gesamte Laufzeit kurzweilig und interessant. Leider wandelt das Skript allzu oft auf ausgetretenen Genrepfaden und erfüllt beinahe jedes Klischee des modernen Actionfilms, was die eigentlich recht gefühlvolle Handlung teilweise ad absurdum führt. Die Tatsache, dass Männer nur als Antagonisten auftreten und meist nicht allzu schmeichelhaft dargestellt werden kann ein Kritikpunkt sein. Zumindest, wenn man sexuell unsicher ist und Angst vor starken Frauen hat. Der Rest der männlichen Zuschauer freut sich über toll choreographierte Action, eine motiviert aufspielende Hauptdarstellerin und Blut und Gemetzel. Jeder Actionfilmfan sollte sich dieses Feuerwerk zumindest ausleihen.

OT: Everly VÖ: 2015 Laufzeit: 90 Minuten FSK: 18 R: Joe Lynch D: Salma Hayek, Hiroyuki Watanabe, Jennifer Blanc
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Dominik

Bildquelle: Splendid

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