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Summer Of Slasher: Halloween (1978)



Die Halloween-Nacht 1963. Haddonfield, Illinois. Ein Familienhaus wie jedes andere in der Nachbarschaft. Die Eltern sind ausgegangen. Die Tochter passt auf ihren kleinen Bruder auf. Sie sollte es zumindest. Stattdessen vergnügt sie sich mit ihrem älteren Freund. Was Teenager eben so machen. Jemand greift zu einem langen Küchenmesser und steigt die Treppen des Hauses hinauf. Die Person zieht sich eine Maske über das Gesicht und betritt das Zimmer des jungen Mädchens. Er zieht das Messer und sticht scheinbar grundlos auf sie ein. Die Person verlässt das aus. Die Eltern kommen nach Hause. Das unvorstellbare ist geschehen... der Mörder des Mädchens ist ihr sechsjähriger Bruder.

1978. Der Psychologe Dr. Sam Loomis fährt in der Nacht vor Halloween ins Smith's Grove Sanatorium um seinen Patienten Michael Myers zu behandeln. Michael Myers ist kein geringerer als jener Junge der vor fünfzehn Jahren seine Schwester ermordete. Doch die Sicherheitsvorkehrungen reichen in dieser Nacht nicht aus und der nun volljährige Mörder kann fliehen. Wohin? Das ist für Loomis ganz klar. Er will zurück, dorthin wo alles begann, nach Haddonfield. Niemand ist sicher in der kommenden Halloween Nacht, auch nicht die schüchterne Laurie Strode, die eigentlich nur einen gemütlichen Babysitting-Abend verbringen möchte. Doch dazu wird es nicht kommen. Nur Dr. Loomis glaubt, Michael Myers noch stoppen zu können.


1978 schuf der damals noch unbekannte Regisseur John Carpenter einen der wegweisensten und meist zitierten Horror- und Gruselfilme aller Zeiten. Ende der 70er gab es zwar schon einige erfolgreiche oder zumindest berüchtigte Horrorfilme, doch keiner sollte das Horrorgenre so auf den Kopf stellen wie Horrormeister Carpenter. Gemeinsam mit den Produzenten Irwin Yablans und Moustapha Akkad konnte der Film erst realisiert werden. Und trotzdem reden wir von einem Budget von nicht mal einer halben Million Dollar. Bei Drehbeginn konnte niemand ahnen, dass Halloween für lange, lange Zeit der profitabelsten Film überhaupt sein sollte, gemessen an seinen Produktionskosten. Um Kosten zu sparen, sollte Carpenter auch direkt den Soundtrack komponieren. Auch hier konnte noch niemand ahnen, dass die Musik Halloweens zu einer der prägendsten und berühmtesten Filmscores aller Zeiten werden sollte.

Yablans legte Carpenter ein mageres Grundgerüst vor. Der Film sollte an Halloween spielen und nicht zu exzessiv mit Gewalt umgehen, trotzdem sollte er mindestens so gruselig werden wie der kurz zuvor erfolgreiche The Exorcist. Keine leichte Aufgabe für Carpenter und seine Partnerin Debra Hill. Doch mit ihrer Kreativität, Fantasie und ihrem Talent entwickelten sie aus der oberflächlichen Story einen der gruseligsten und gleichzeitig authentischsten Horrorfilme unserer Zeit. Carpenter zeigte zuvor schon in Assault sein Talent für Stimmungen und Atmosphäre und es dürfte mir kaum jemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass Halloween zu den atmosphärisch ganz großen Filmen gehört. Als ich den Film in jungen Jahren das erste Mal sah, war es spätestens in der Szene um mich geschehen, als der kleine Tommy aus dem Fenster beobachtet wie auf dem Grundstück gegenüber die Silhouette Michael Myers' eine Leiche auf den Armen trägt. Ein großartiger, aber furchtbar schauriger Moment und noch heute eine meiner absoluten Lieblingsszenen im Horrorbereich. Szenen dieser Klasse gibt es viele in Halloween.


Damit die Produktion in Los Angeles überhaupt beginnen konnte, benötigte man natürlich auch einen Cast. Und hier bewies John Carpenter ein weiteres Mal ein glückliches Händchen. Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis war ein zuvor völlig unbeschriebenes Blatt und ein gewisses Risiko bei ihrer Verpflichtung. Aber ihre Performance als Final Girl Laurie Strode war nicht nut großartig, sondern wegweisend für ihren Weg zum Hollywoodstar. Doch das Horrorgenre ganz verlassen, wollte sie zum Glück nie. Warum auch? So ist sie doch bis heute der Inbegriff des Final Girls. Mit Donald Pleasence konnte man sogar einen berühmten Star verpflichten, der immerhin schon einen Bond-Schurken spielte und bis zu seinem Tod zu den sympathischsten Leute Hollywoods zählte. Ein wundervoller Mensch und Schauspieler, der die ganze Halloween-Reihe am seidenen Pfaden zusammen halten sollte.

Anders als in den Jahrzehnten danach, durften die Figuren im Slasher, zumindest in Halloween, noch sympathisch und authentisch sein. Auch heute noch hat man eine charismatische Hauptfigur, aber eben nur Hackfleisch als Nebenfiguren, wie es die Friday The 13th Reihe kurz nach Halloween einführte. Doch das wollte Carpenter nicht. So bekommen auch Lauries Freundinnen, Loomis und selbst der Sheriff einen richtigen Charakter. Die Figuren dürfen atmen, dürfen eine Melancholie entwickeln. Die Figuren sind zwar immer noch simpel, aber so gut ausgearbeitet, dass es weh tut, wenn uns eine der Charaktere im Film verlässt. Auch die Figur des Killers Michael Myers war immens wichtig für den Erfolg des Films. Er war nicht einfach nur ein typischer Mörder, sondern ein gefühlsloser, böser und kalter Mensch. Das personifizierte Böse. Die emotionslose, umgestaltete William Shatner Maske bestätigte nur dieses Konzept hinter Myers. Die Angst und Gefahr durch Myers lässt uns Carpenter zu jeder Zeit spüren, ohne aber sofort alle seine Kniffe auf uns los zu lassen. Nach dem sensationellen Prolog, gedreht in einem smoothen Point-Of-View-Take, drosselt Carpenter das Tempo erheblich und lässt Myers stets nur wie ein Gespenst am Bildschirmrand erscheinen und auch sofort wieder verschwinden. Das erzeugt natürlich Grusel, der aber erst durch Dr. Loomis Aussagen über Myers seinen Höhepunkt erreicht. Wenn selbst der langjährige Psychater des Mörders so eine panische Angst vor seinem Patienten hat, na dann gute Nacht.


Müssen wir über den fantastischen Soundtrack noch groß reden? Die minimalistische Musik mit ihren hohen Spitzen und tiefen Bässen, mit ihren messerstichartigen Noten und Rhythmen sollte jeder mal gehört haben und vermutlich wäre die Rezeption Halloweens ohne diese schaurigen Klänge nicht mehr ganz so wohlwollend, denn für die Perfektion des Films sorgt u.a. eben diese Musik. Die Töne untermalen die Spannung und den Thrill auf der Leinwand.

Während Halloween heute sogar offiziell anerkannt als Meisterwerk und wichtiges Filmerbe zählt, war das bei seinem Release Ende der 70er Jahre nicht überall so. Von Frauenfeindlichkeit und Sadismus war die Rede. Der erste Vorwurf ist nicht haltbar, denn grade die männlichen Nebenfiguren haben kaum Dialoge oder nennenswerte Momente außerhalb ihrer effektiven Mordszenen. Die Frauenfiguren dürfen sich dagegen entwickeln und lassen dem Zuschauer die Möglichkeit eine Empathie zu entwickeln. Mit Frauenfeindlichkeit hat das wenig am Hut aus meiner Sicht. Eine moralische Engstirnigkeit könnte man dem Film dagegen vorwerfen. Denn Halloween ist quasi der Mitbegründer der Horrorregel - "Wer sündigt (Sex, Alkohol, leichte Drogen), muss sterben" - die uns noch auf Jahrzehnte im Genre begleiten sollte. Fehlte dem Killer ein Motiv, wurde jenes wieder ausgepackt und zwar nicht zu selten.


Entgegen aller Erwartungen wurde der super billig produzierte Halloween zum Kassenerfolg, der seines gleichen suchte. Ähnliche Sensationen sollte es erst Jahrzehnte später wieder mit Blair Witch Project, Saw oder Paranormal Activity geben. Kein Zufall, dass jene Filme auch viele Dinge völlig anders gestalteten als der sonstige Einheitsbrei.
Für mich ist Halloween der perfekte Slasher, der perfekte Horrorfilm. John Carpenter eröffnete mit seinem Horrorhit ein Subgenre und beendete es auch im selben Atemzug wieder. Denn mit Halloween war bereits alles gesagt. Alles was danach kam, ob in der Halloween-Reihe selbst oder generell im Genre, konnte das Original nie wieder erreichen.

OT: Halloween DT: Halloween - Die Nacht des Grauens VÖ: 1978 Laufzeit: 91 Minuten FSK: 16 R: John Carpenter D: Donald Pleasence, Jamie Lee Curtis
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Christian

Bildquelle: Anchor Bay

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