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Misunderstood (2014)



Asia Argento dürfte Genre-Fans hinlänglich als Tochter des genialen Dario Argento bekannt sein. Der Giallo-Altmeister bescherte uns solche Klassiker wie Opera, Suspiria und Profondo Rosso. Auch an George A. Romero's Dawn of the Dead war der italienische Regisseur maßgeblich beteiligt. Da verwundert es kaum, dass seine ebenso talentierte Tochter nach etlichen Rollen in seinen eigenen sowie späteren, großen Hollywood-Produktionen wie Marie Antoinette und xXx nun auch selbst auf dem Regiestuhl Platz nimmt und mit Incompresa (zu dt. "Missverstanden") ein sehr gefühlvolles und nachdenkliches Portrait vom Aufwachsen in den 80er Jahren zeichnet.

Doch Incompresa ist nicht Asia Argento's erste Regiearbeit. Bereits im Jahr 2004 lieferte sie (nach einigen Kurzfilmen und kleineren Produktionen) mit dem Drama The Heart Is Deceitful Above All Things eine ähnlich geartete wenn auch ungleich extremere Tragödie rund um einen Jungen ab, der durch seine drogensüchte Mutter mentalem, körperlichem und seelischem Missbrauch ausgesetzt ist. Schwer verdaulich und nicht für jedermann geeignet vermochte der Film zu schockieren und wurde von Publikum und Kritikern größtenteils missverstanden.


Missverständnis und Ablehnung scheinen Themen zu sein, die Asia Argento bewegen, denn in Incompresa lernen wir die 9-jährige Aria kennen (beeindruckend gespielt von Giulia Salerno), die von ihrer erschreckend gefühlskalten Mutter und dem selbstsüchtigen, berühmten Vater ebenfalls kein Verständnis zu erwarten hat. Liebe und Anerkennung scheint es für sie nicht zu geben, und so wird sie wie eine Kugel in einem Flipper zwischen ihren lieblosen Eltern hin- und hergestoßen. Ihre beste Freundin sowie eine schwarze Katze namens Dac sind ihr einziger Halt in einer Welt, in der es vor feindseeligen Erwachsenen nur so zu wimmeln scheint. Egal ob Priester, Haushälterin oder Lehrerin, jeden scheint Aria aus tiefster Seele abzustoßen. Dies ist umso trauriger, als dass Aria ein sehr begabtes und intelligentes Kind ist, welches nur geliebt und verstanden werden möchte. So entwickelt sich ein Coming-of-Age-Drama, das seinen durchaus vorhandenen witzigen Momenten immer wieder erschreckende Grausamkeit und Hass beimischt, wenn Aria's Eltern zwischen kalter Verachtung und geheuchelter Zuneigung für ihre Tochter hin- und herschwanken. Umarmen möchte man dieses bemerkenswerte Kind, für das es keinen Platz auf der Welt zu geben scheint.

Zu viel sollte man von der Handlung von Incompresa nicht vorweg nehmen, denn der Film ist etwas, das jeder Zuschauer so unvoreingenommen wie möglich erleben sollte. Angesiedelt den 80er Jahren, bietet er Fans dieser grandiosen Zeitepoche liebevoll gestaltete Sets, so dass man sich tatsächlich in diese Zeit zurückversetzt fühlt. Selbst solche netten Details wie Bowie-Shirts und Rollkragenpullover wurden nicht vergessen. Auch der Soundtrack fährt mit einer Mischung aus Pop, Elektro und Punk die volle 80er-Breitseite auf. Ein Kritikpunkt für mich war die Gratwanderung zwischen bunter Leichtigkeit - etwa, wenn Aria mit ihrer besten Freundin die erste Zigarette raucht oder den Nachbarn Streiche spielt - und düsterer Dramatik. Aria ist eine geschundene Seele, die den gandenlosen Liebesentzug ihrer Erzeuger nicht verkraftet. Man merkt, dass die Regisseurin eine nicht ausnahmslos dunkle Geschichte erzählen möchte. Jedoch kann man über die zeitweise Unbeschwertheit nur bedingt lachen, wenn man die ganze Zeit dieses zerbrechliche Mädchen vor sich sieht, welches herumgestoßen, erniedrigt und zeitweise auch geschlagen wird.


Der wohl positivste Aspekt und damit auch der Hauptgrund dieser Review ist jedoch die Tatsache, dass in dem Film echte Emotionen stecken. Keine gespielten Hollywood-Gefühle mit schnulziger Hintergrundmusik sondern wirkliche, echte Gefühle. Man wird die Vermutung nicht los, dass Asia Argento mit diesem Film einen Teil ihrer eigenen Jugend verarbeiten möchte. Sowohl optisch als auch charakterlich lassen sich zahlreiche Parallelen zwischen Regisseurin (selbst zweifache Mutter) und Darstellerin ziehen und genau das verleiht dem Film eine unvergleichliche Authentizität. Hier war eine Filmemacherin am Werk, der wirklich an ihren Figuren gelegen ist, ein Umstand der in der heutigen Zeit viel zu selten geworden ist. Das Ende ist durchdacht und stellt noch einmal alles Gesehene infrage, ein durchaus mutiger Schritt. Ohne zu spoilen kann man sagen, dass die Interpretation der Schlussmomente wohl von der eigenen Grundeinstellung abhängt. Spielfraum hierfür bietet es so oder so zu Genüge und die Schlussworte scheinen direkt aus Asia Argento's Herz zu kommen.

Fans der Zeit von Disco, Glamrock und VHS sowie Freunde emotional erzählter Geschichten sollten sich Incompresa definitiv nicht entgehen lassen, denn wenn man dem Film eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Konventionalität. Und vom Einheitsbrei aus seichten Komödien und vorgegaukelter Tragik habe ich persönlich schon lange genug. Mich selbst hat die Persönlichkeit des Filmes sehr berührt, eventuell geht es Euch ja genauso. Danke Asia, für diese Offenheit!

OT: Incompresa IT: Misunderstood DT: Missverstanden VÖ: 2014 Laufzeit: 103 Minuten FSK: 12 R: Asia Argento D: Charlotte Gainsbourg, Gabriel Garko, Gianmarco Tognazzi
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Dominik

Bildquelle: Rapid Eye Movies

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