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Rocky (1976)



Mitte der 70er Jahre sind zwei Männer am Scheideweg ihrer Karrieren angelangt. Der Werdegang des erfolglosen Schauspielers Sylvester Stallone und des fiktiven Amateurboxers Rocky Balboa sind bis heute eng miteinander verknüpft. Nach dem Stallone als Schauspieler zu Beginn der 70er keinen Fuß fassen konnte, widmete er sich dem Drehbuchschreiben. Boxer Rocky kassiert niedrige Preisgelder, gilt als talentfrei und ist generell im Leben gescheitert. Doch dann passiert etwas, dass sowohl das echte Leben Stallones, als auch das fiktive Balboas für immer verändern sollte...

Rocky Balboa ist ein ungebildeter Boxer, der sich seine Kröten mit schmierigen Handlangergeschäften für die örtliche Mafia verdient. Rocky lebt sein Leben vor sich hin, redet mit seinen Schildkröten und hat sich in Adrian verguckt, eine nette, schüchterne Frau, die im Tierladen um die Ecke arbeitet. Eines Tages will Boxweltmeister Apollo Creed einem unbekannten Boxer die Chance auf den Titel geben. Für den eher mäßig begabten Rocky die Chance seines Lebens.
Schauspieler Sylvester Stallone schlug sich Anfang der 70er Jahre eher schlecht als recht durch's Leben. Seine Karriere wollte nicht in Tritt kommen und die Geldbörse war ziemlich leer. Also fing Stallone an Drehbücher zu schreiben. Inspiriert vom Sensationskampf des Außenseiters Chuck Wepner, der sich erst in der letzten Runde gegen Muhammad Ali geschlagen geben musste, verfasste Stallone in kürzester Zeit sein Drehbuch zu Rocky. Früh war ihm klar, dass dieses Drehbuch sein Untergang oder Aufstieg werden würde und so verhandelte er geschickt mit den letztlichen Produzenten und vergab die Rechte an seinem Drehbuch nur im Tausch mit der Hauptrolle zum passenden Film. Der Rest ist Hollywoodgeschichte...


Kein Film in der langen Historie der Traumfabrik Hollywoods hat sich je die Bezeichnung Feel-Good-Movie so sehr verdient wie Rocky. Das oscarprämierte Drama ist die vielleicht beste Verfilmung Amerikas klassischer Tellerwäscherlegende. Die Geschichte und seine charismatischen Figuren sind aus dem Leben gegriffen und genau deshalb so genial. Obwohl Rocky herkömmlich als Sportfilm gilt, ist er im Herzen eigentlich eine Milieustudie, von mir aus auch eine Love Story. Das menschliche Drama steht jedenfalls an Wichtigkeit deutlich über dem Sport. Dabei ist Rocky trotz der vehementen Tiefschläge im Leben des Protagonisten ein unglaublich lebensbejahender, höchst motivierender Film. Dem zu Grunde liegt die kraftvolle Story, die genau so realistisch ist, dass sie genügend Platz zum träumen lässt. Eine klassische Underdog-Saga. Stallone hat das Thema nicht erfunden, aber zusammen mit Regisseur John G. Avildsen definitiv perfektioniert.

Cineastisch hat Rocky mit all seinen beteiligten Personen die Filmwelt geprägt. Sowohl stilistisch, denn selbst heute noch kommen Sportfilme nicht ohne die rockytypischen Trainingsmontagen aus, als auch technisch. Denn Garrett Brown nutzte in Rocky erstmals die sogenannte Steady Cam ,die auch in turbulenten Szenen Ruhe in dem Film brachte. Im Verlauf seiner Karriere sollte Brown noch weitere wegweisende Erfindungen in die Kameratechnik einführen. Ohnehin sollten für Rocky Glück und erfinderische Not eine wesentliche Rolle spielen. So war die heute berühmte, romantische Schlittschuhszene zwischen Rocky und Adrian eine reine Budgetfrage. Ursprünglich eine Massenszene, musste man letztlich aus Kostengründen auf Statisten verzichten, schuf so aber eine unglaublich intime und emotionale Szene, die sinnbildlich für Rockys und Adrians Beziehung stehen sollte. Wie akribisch Avildsen, Stallone und Co. trotz des wenigen Geldes vorgingen, zeigt sich insbesondere im perfekt auschoreografierten Kampf zwischen Rocky und Apollo. Allein dieser Kampf bietet alles was das Leben so ausmacht. Höhepunkte, Tiefschläge, Emotionen, Kraft. Ein großartiger Schlußakt.


Ein wichtiges Element in Rocky stellen die Figurenkonstellation und die passenden Leistungen der Schauspieler dar. Schon nach wenigen Minuten, jonglierend, gekleidet in Lederjacke, Chucks, Hut und Handschuhen hat uns die Figur Rocky Balboa gecatcht. Kann man diesen intellektuell wenig begabten Mann nicht lieben? Stallones nuschelnde Aussprache, seine charmant lässige aber auch naive Art zielen genau auf die Emotionen der Zuschauer. Auf der anderen Seite haben wir den an Ali angelehnten, arroganten, gebildeten Boxweltmeister Creed. Ebenfalls großartig performt vom bis dato als Darsteller weitestgehend unbekannten Carl Weathers. Herausragend performen alle Darsteller, aber hervorheben muss man vor allem die Leistung von Burgess Meredith als Trainer Mickey. Ohne Meredith wäre Rocky wohl nur halb so viel wert. Auch die Figuren von Adrian (Talia Shire) und Paulie (Burt Young) sind wichtige Elemente für den Film. Kaum vorstellbar, wie Stallone selbst diese so realistischen und charismatischen Figuren im Verlauf des Franchise zu Abziehbildern hat verkommen lassen.

Neben den euphorischen Gänsehaut verursachenden Trainingsmontagen und Kampfszenen ist Rocky ein wahres Potpourri an heute legendären Filmszenen. Unvergessen, wie Rocky mittels Schweinehälften in einem Fleischerkühlhaus seine Schlagkraft trainiert oder sein Sprint über die Treppen zur Plattform des Philadelphia Art Museums. Von der Schlussszene zwischen Rocky und Adrian im Boxring ganz zu schweigen. Dass wir es in Rocky auch mit großartigen Darstellern zu tun haben, beweist das emotional ergreifende Streitgespräch zwischen Rocky und Trainer Mickey. Dass Rocky eben nicht mit dem sportlichen Triumph des Helden endet, ist vielleicht Stallones großartigster Kniff im Drehbuch. Avildsens größter Kniff als Regisseur dagegen, dürfte die Distanz des Films zum geschehen sein. Die Kameraarbeit, der Schnitt und die Ästhetik des Films wirken extrem dokumentarisch und dadurch unglaublich authentisch. Rockys Ambiente ist schmutzig und urban, warum sollte also der Film vor Glanz strahlen?


Für mich ist Rocky letztlich eine berührende und motivierende Geschichte, die sich im Laufe der Jahre zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme entwickelt hat. Wobei, eigentlich ist das eine Lüge. Rocky war Liebe auf den ersten Blick und hat mit dafür gesorgt, dass ich mich überhaupt für die Kunst des Films interesse und eine solche Leidenschaft entwickelt habe. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, dass Rocky, der in diesem Jahr sein Jubiläum feiert, auch nach 40 Jahren noch unglaublich frisch und ergreifend ist. Ein Grund dafür ist natürlich auch der herausragende Soundtrack des Films, der noch heute viele Sportmontagen und Veranstaltungen begleitet. Bill Contis selten aufdringliche, aber immer exakt passenden Klänge geben dem Film die letzten noch fehlenden Akzente. Bis heute gilt der Rocky-Score als einer der besten Soundtracks aller Zeiten und Conti sollte in der Folge noch oft mit Stallone zusammenarbeiten.

Stallone ist Rocky. Rocky ist Stallone. Selten in der Filmgeschichte sind Filmfigur und Darsteller derartig miteinander verschmolzen wie hier. Die Rocky Saga ist ein Ebenbild von Stallones Schauspielkarriere. Verblüffend und faszinierend. Das Boxdrama ist ein Märchen, das jedes Herz höher schlagen lässt. Ein Film der Wärme, Liebe und Hoffnung ausstrahlt und genau deshalb ein so großer Erfolg wurde. Über Nacht wurde Stallone zum Superstar und der Film selbst ein paar Monate später mit dem Oscar für den besten Film des Jahres ausgezeichnet. Das Publikum hatte genug von den pessimistischen und hoffnungslosen Geschichten der frühen 70er Jahre. Rocky war der Wendepunkt in Hollywood und bewies ein weiteres mal, dass jeder seine Träume verwirklichen kann...

OT: Rocky VÖ: 2015 Laufzeit: 119 Minuten FSK: 12 R: John G. Avildsen D: Sylvester Stallone, Talia Shire, Burt Young, Carl Weathers, Burgess Meredith
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Christian

Bildquelle: MGM

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