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The Hateful Eight (2015)



Eine Reise nach New York ist immer ein Erlebnis, ob Filmfan oder nicht. Für Cineasten jedoch gibt es eine schier unendliche Vielfalt an geschichtsträchtigen Locations von Klassikern zahlreicher Genres: Seien es das Ghostbusters-Hauptquartier, der Times Square oder schlicht der Central Park, welcher Schauplatz zahlreicher Hollywood-Schnulzen war. Hier sollte wirklich für jeden etwas dabei sein. Und bei meinem letzten Besuch vor zwei Wochen war der große Apfel sogar noch um eine Attraktion reicher: Eines der wenigen Kinos, die Quentin Tarantino's neuesten Streich The Hateful 8 in der vom Regisseur dringend empfohlenen 70mm - Roadshow-Version zeigen. Und dies komplett mit Ouvertüre, Pause und etwas anderem Schnitt. Und als sei es ein Zeichen des Großmeisters selbst, befand sich das einzige entsprechend ausgerüstete Kino nur wenige Blocks entfernt von meinem Hotel. Klar, dass ich schneller Karten geordert hatte als man "Royale with cheese" sagen kann.

Zunächst möchte ich Euch kurz erklären, was an dieser Version so besonders ist: 70mm ist ein Filmformat aus den vergangenen Tagen richtiger Filmrollen, welches bereits seit einigen Jahren nicht mehr bei der Projektion zum Einsatz kommt. Meist wird im heutigen Kino digital projiziert, d. h. es gibt keine Filmrollen mehr, welche von Hand gewechselt werden müssen, wenn sie durchgelaufen sind. Diesen Wechsel vorzunehmen, ohne dass der Zuschauer etwas merkt kann man schon als Handwerk bezeichnen, für dass es früher auch den Beruf des Filmvorführers gab. Bedienung und Handhabung von Filmrollen und Apparaturen erforderten Geschick und Feingefühl. Mit dem Einzug des digitalen Kinos (das gängige Format ist hier 35mm) in die Welt der bewegten Bilder wurden die alten Verfahren zunehmend obsolet, ratternde Projektoren und "flackernde" Bilder mit den typischen Verschmutzungen bei alten Kopien gibt es heute quasi nicht mehr.


Quentin Tarantio spricht sich bereits seit Jahren öffentlich gegen die Digitalisierung aus, die seiner Ansicht nach das Medium Film entwertet und ihm zunehmend Glanz und Würde raubt. Daher wählte der Meister für The Hateful 8 einige wenige Kinos auf der ganzen Welt aus, die sich die Atmosphäre der "Filmtheater" aus den 50'er und 60'er Jahren bewahrt haben und zwang diese einfach, auf die alten Verfahren zurückzurüsten. The Hateful 8 ist episch in mehrerlei Hinsicht und dies sollte sich auch in der Bildbreite widerspiegeln. So schnitt er eine Extra-Version, stattete diese mit einer instrumentalen Einleitung und einer "Intermission" aus (Kino wurde früher ähnlich wie Theater als Event zelebriert, zu dem man sich in Abendgardarobe hinter einer samtenen Absperrung vor dem Gebäude einfand und dem Öffnen durch die Kinopagen entgegenfieberte. Wie beim Theater war es auch üblich, in der Mitte des Films eine Pause einzubauen) und bat alle wahren Cineasten, einzig diese Version als Non-Plus Ultra zu akzeptieren. Die große Frage ist hier: Lohnt es sich, organisatorischen und monetären Zusatzaufwand zu betreiben, um diese Version sehen zu können?

Vielleicht kann ich Euch diese Frage in einem Erlebnisbericht beantworten: Reichlich aufgeregt kam ich ca. eine Stunde vor dem Öffnen der Türen am Theatre im Manhattaner Stadtteil East Village an, in welchem der Cineasten heiliger Gral gezeigt wurde. Natürlich lies Tarantino es sich nicht nehmen, auch die Wartezeit vor dem Kino in das "Event" einzubauen. Dadurch bildete sich bald eine lange Schlange um den ganzen Block. Ich stand zum Glück sehr weit vorne, musste aber einige Fragen ungläubiger Passanten beantworten, weshalb hier so viele Leute VOR dem Kino anstünden. Tja. Erst kurz vor Beginn der Vorstellung wurden die Tore geöffnet und ich trat ein in ein wundervolles, altes Gebäude welches mich tatsächlich an Shosanna Dreyfus' Le Gamaar in Inglourious Basterds erinnerte. Toll. Durch die freie Platzwahl und meine Voraussicht konnte ich mir einen Platz auf dem Rang des Kinos direkt vor der Leinwand sichern. Wenige Minuten vor Beginn ertönte die Ouvertüre und als der Vorspann über das merklich breitere Bild filmmerte wusste ich, dass dieser Film wahrhaftig für diese Form der Darstellung gedreht wurde. Es ist einfach ein unfassbares Erlebnis, die wunderbaren Winterlandschaften von The Hateful 8 in diesem epischen Format bewundern zu dürfen. Landschaften, die zugleich schön und bedrohlich wirken. Man spürt förmlich den herannahenden Bizzard und die beklemmende Atmosphäre von Einsamkeit und Kälte begleitet den Zuschauer über die gesamte Laufzeit. Und zugleich wird man gefangengenommen durch die seltsamen Charaktere, die zu Beginn noch so gut wie nichts von sich preisgeben und sich dem Zuschauer auch später nur zögerlich öffnen. Der Spannungsbogen steigt kontinuierlich und - soviel sei verraten - die aggressive Atmosphäre entlädt sich schlussendlich in einem selbst für Tarantino-Verhältnisse intensiven Blutbad. Und als der Abspann über den Screen flimmerte war ich tatsächlich etwas geschafft, aber auch sehr zufrieden.


Es ist schwer bis unmöglich, über die Handlung von The Hateful 8 zu berichten, ohne zuviel zu verraten. Mein Tipp: Seht uuch keine Trailer an, lest keine Inhaltsangaben und behaltet bei der Sichtung in Gedanken, dass Tarantino selbst den Film als "meine Auseinandersetzung mit dem Carpenter-Remake The Thing" bezeichnete. Trotz der unterschiedlichen Settings werdet Ihr Parallelen entdecken, versprochen! Doch der Film hat auch seine Schattenseiten: Das Tempo ist speziell zu Beginn sehr behäbig und man hat an manchen Stellen das Gefühl, dass der Film gut und gerne auch einige Minuten weniger hätte vertragen können. Und so toll die Dialoge und Monologe auch wieder sind (und es gibt derer wieder sehr, sehr, sehr lange und sehr, sehr viele), sie konnten mich nicht in 100% aller Fälle bei der Stange halten. Den Vergleich mit Django Unchained muss sich der Film natürlich gefallen lassen, aber beide Filme sind komplett unterschiedlich und teilen lediglich dasselbe Universum. Die Angst, Tarantino könnte sich wiederholt haben ist also absolut unbegründet.

The Hateful 8 besticht in erster Linie durch seine bedrohliche Winterland / Kammerspiel-Atmosphäre und den großartigen Cast, hätte jedoch ruhig etwas kürzer ausfallen und etwas flotter erzählt werden können. Solltet Ihr Filmfans sein, so zieht auf jeden Fall die Roadshow-Version vor, wenn Ihr könnt. Ein ultimatives Muss ist dies jedoch meiner Ansicht nach nicht.

OT: The Hateful Eight VÖ: 2015 Laufzeit: 182 Minuten FSK: 16 R: Quentin Tarantino D: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Walton Goggins, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern
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Dominik

Bildquelle: Universum Spielfilm

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