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Spotlight (2015)



Über Jahrzehnte hinweg fand ein systematischer sexueller Missbrauch von Kindern in der römisch-katholischen Kirche in Boston statt. Gedeckt von hohen Geistlichen, gefühlt gedeckt von der ganzen Stadt. Spotlight handelt von der Aufdeckung des Skandals durch die Intensivrecherche-Redaktion des Boston Globe im Jahr 2002. Regisseur Tom McCarthy ist mit der akribischen Aufbereitung dieser Enthüllung in Form eines Spielfilms der ganz große Coup gelungen, weshalb Spotlight für nicht wenige als der Geheimfavorit ins Rennen um die diesjährigen Academy Awards geht.

Spotlight beginnt im Jahr 2001 als mit Marty Baron ein neuer Herausgeber des Boston Globes installiert wird. Dieser hat großes Interesse an einer längst begrabenen Story über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und beauftragt Spotlight, das zuständige Team für Intensivrecherche, um die Geschichte neu aufzurollen. Nach und nach decken die Journalisten einen umfangreichen, systematischen Missbrauchs-Skandal auf. Früh wird klar, dass die jahrzehntelangen Verbrechen von den Kirchenoberhäuptern gedeckt wurden. Zeit für Spotlight diese Geschichte ans Tageslicht und in die Öffentlichkeit zu bringen.

Spotlight ist ein herausragender, unspektakulär inszenierter Ensemblefilm, der mich auf Anhieb gefangen nahm. Regisseur Tom McCarthy konnte sich dabei auf ein großartiges Drehbuch verlassen, welches sich jahrelang auf der sogenannten Blacklist befand. Einer Liste der populärsten, aber bis dato nicht verfilmten Drehbücher. Dieses Drehbuch sorgt dafür, dass die Stärken Spotlights in den fantastischen Dialogen und der nüchternen Erzählung ohne jede Form von Pathos liegen. Der Film zeigt hauptsächlich die intensive Recherche der Journalisten und die Steine die ihnen dabei in den Weg gelegt wurden. Ohne jede Form von überspielter Dramatik sorgt dieses Konzept für extreme Spannung. Dabei beruft sich der Film vor allem auf Fakten, was der Figurenzeichnung und der Authenzität zu Gute kommt. Dadurch gibt es in Spotlight keine stilisierten Helden oder Schurken. Viel mehr versteht sich Spotlight als Making Of oder Behind The Scenes der Aufdeckung der Ereignisse und verflucht die Kirche nie als Ganzes.


Wie wichtig der Film und wie groß die Tragweite des Themas des Missbrauchs in der katholischen Kirche ist, zeigen am Ende die extrem erschütternden Texttafeln, die auflisten, in welcher Häufigkeit und in welch globaler Form diese Verbrechen stattfanden. Besonders dieses simple stilistische Mittel sorgte dafür, dass ich mich minutenlang nach Durchlauf der Credits nicht aus dem Kinosaal bewegen konnte. Regisseur Tom McCarthy gebührt lob für die ruhige Inszenierung des Stoffs. Der Schnitt sitzt, die nüchterne Bildsprache passt und der ungewohnte Score von Howard Shore könnte nicht besser sein. Alle Stärken bündeln sich beispielsweise in den extrem berührenden Opferbefragungen. Das geht unter die Haut.

Den Darstellern kann man nur den größten Respekt zollen. Das komplette Ensemble agiert auf dem höchsten Niveau. Ob Liev Schreiber, Michael Keaton oder Rachel McAdams. Doch die herausragenden Performances gehören in Spotlight Mark Ruffalo und Stanley Tucci. Alle Darsteller lassen ihre Figuren echt und authentisch wirken. So verkommt auch die emotionale Verarbeitung der Geschehnisse durch die Journalisten nie zum großen Drama, welches dem eigentlichen Anliegen der hervorragenden Story die Wichtigkeit geraubt hätte. Spotlight lässt keinen Raum für Fiktion.

Spotlight ist ein wichtiger Film über ein wichtiges Thema. Tom McCarthy ist ein perfekter Film gelungen, der nichts, absolut nichts falsch macht. Ein aufwühlender Film, mit einer brillanten Geschichte, gespielt von brillanten Darstellern. In der Tradition von All The Presidents Men zeigt Spotlight wie wichtig guter Journalismus in der Gesellschaft funktionieren kann, muss und sollte. So inszeniert man eine wahre Geschichte packend und interessant, aber vor allem mit dem nötigen Respekt für die zahlreichen Opfer.

OT: Spotlight VÖ: 2015 Laufzeit: 128 Minuten FSK: 0 R: Tom McCarthy D: Michael Keaton, Liev Schreiber, Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Stanley Tucci
Trailerlink

Christian

Bildquelle: Open Road Films

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