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The Green Inferno (2013)



Knappe drei Jahre nach Fertigstellung von Eli Roth's Hommage an den Kannibalenfilm - The Green Inferno - erscheint der Film nun auch endlich bei uns. Regisseur Roth, der mit den ersten beiden Hostel Filmen die (Wieder)geburt des Torture Porn einleitete, hat in den letzten Monaten durch dürftige Filme wie Aftershock und Knock Knock selbst bei seinen streng gläubigen Fanatikern einiges an Kredibilität verspielt. Selbst Buddy Tarantino scheint sich mit dem Horror-Fanboy nicht mehr abgeben zu wollen. Roth hat sich deshalb eine neue Filmclique in Südamerika angebandelt. Green Inferno ist nun der dritte Film der so entstanden ist und spendet wieder etwas Hoffnung, offenbart aber auch die gängigen Roth-Schwächen.

Cannibal Holocaust
, Mondo Cannibale, Cannibal Ferox - selten originell und wirklich gut, meist plakativ, dumm und brutal. Das Genre des Kannibalenfilm hat ein bis zwei Klassiker hervorgebracht und ansonsten nur von seinem Schmuddelgefühl und vielen Kontroversen gelebt. Längst ist das ehemals in Europa sehr beliebte Subgenre in den Tiefen der Filmhistorie verschwunden. Eli Roth ist ein mäßig begabter Horrorregisseur, der uns ein paar nette, aber nie überragende Filme einbrachte. Vor allem ist Eli Roth ein Fanboy des Horrorgenres. Quasi ein Tarantino nur mit deutlich weniger Talent gesegnet. Roth ist auch Fan des Kannibalenfilms und wollte diesem mit seinem The Green Inferno Tribut zollen. Am Storyverlauf hat sich seit den 80ern auch nichts geändert. Unter einem oberflächlichen Vorwand, hier Öko-Aktivismus, werden jungen Menschen in den Dschungel verfrachtet, um dann in einem Culture Clash auf Eingeborene und Kannibalen zu treffen. Doch wer ist hier böse und wer ist hier gut? Die naturtreuen, traditionellen Völker und Stämme oder der weiße Invasor mit seinem kapitalistischen Kolonialgedanken? Keine Angst, Roth schneidet zwar ein paar gesellschaftskritische Themen an, behandelt sie letztlich aber auch nur oberflächlich oder für den Schockmoment (Stichwort: "Genitalverstümmelung").


Roth's Filme haben seit jeher ein Hauptproblem und das ist der Mangel an Empathie und Charaktertiefe. Figuren sind für den Regisseur scheinbar nur Leute die Dinge tun und Handlungen ausführen. Ein Innenleben, einen Gedankenwelt - das spielt für Roth scheinbar keine Rolle. Und so hält sich unser Mitgefühl auch für die Figuren in The Green Inferno mal wieder stark in Grenzen. Abgesehen von Roth's Ehefrau und Hauptdarstellerin Lorenza Izzo kommt da nichts von der Darstellerseite. Wie nach Schema F markiert The Green Inferno jeden Menschen im Film als typischen Stereotypen. Überraschungen sind Fehlanzeige. Wozu dann ein Prolog von fast 40 Minuten, der sowohl der Handlung, als auch den Figuren rein gar nichts bringt? Selbiges Manko ließ sich schon beim ersten Hostel feststellen. Und so bewegen sich auch die Dialoge auf sehr holprigen Pfaden.

Ausgerechnet der großartige Cannibal Holocaust soll als Vorbild für Roth's Hommage hergehalten haben. Dem zwangsmäßigen Vergleich kann The Green Inferno nie standhalten. Zu sehr fehlt es dem Film an Atmosphäre und Spannung. Aber Roth's Stärke liegt sowieso eher in der Provokation, Kontroverse und Gewalt. Und tatsächlich liefert der Regisseur seltene, aber ziemlich brutale Momente ab. Die Zerstückelung eines lebendingen Mannes durch die Kannibalen liegt tatsächlich schwer im Magen und hinterlässt seinen Eindruck. Aber was nützt das, wenn die kurzzeitig aufkeimende Stimmung nur fünf Minuten später durch völlig deplatzierten Fäkalhumor wieder zerstört wird? Da ist er wieder, der Mangel an Empathie. Kurze Zeit vorher erlebt eine Figur einen Death by Propeller. Fünf Kollegen von ihm werden Zeugen des tödlichen Unfalls, doch eine Reaktion bleibt aus. Zahm ist The Green Inferno definitiv nicht. Aber den ultrabrutalen Impact eines Hostel II erreicht der Kannibalenfilm nie. Zu gewöhnlich scheinen Roth's Exzesse geworden zu sein.


Lob erntet Roth von mir für seine Entscheidung, die ebenfalls im Kannibalengenre fest verankerte sexuelle Gewalt, komplett außen vor zulassen. Ebenfalls hervorragend und eine der wenigen stimmungsvollen Momente des Films ist die ungewollte Ankunft unserer "Helden" im Lager der Kannibalen. Aber ihr wisst ja, Roth ist ein Experte darin, kurz aufkeimende Euphorie durch schwachsinnige Einfälle und Szenen in Luft aufzulösen. So wirkt The Green Inferno phasenweise wie eine Parodie. Wirklich ernst kann man den Film nicht nehmen. Dennoch ist der Genrefilm durchaus unterhaltsam und Fans werden durchaus Gefallen an zahlreichen Anspielungen an die großen oder weniger großen Vorbilder haben. Auch handwerklich ist The Green Inferno absolut tauglich. Die Bilder passen, der druckvolle Dschungelscore geht auch in Ordnung. In Sachen Gore macht Roth sowieso kaum jemand etwas vor.

The Green Inferno ist weit weg von der Magie und Kontroverse eines Cannibal Holocaust, funktioniert dennoch als passender Teaser, um sich endlich mal wieder mit dem verstaubten und schmuddeligen Subgenre des Kannibalenfilms auseinanderzusetzen. Schade nur, dass Roth überraschend mutlos mit dem Thema und Genre umgeht und am Ende nur ein grade so durchschnittlicher Film herausgekommen ist, der weder vorhandene Fans begeistern noch neue gewinnen wird.

OT: The Green Inferno VÖ: 2013 Laufzeit: 100 Minuten FSK: 18 R: Eli Roth D: Lorenza Izzo, Ariel Levy, Kirby Bliss Blanton, Magda Apanowicz
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Christian

Bildquelle: Concorde

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