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The Assassin (2015)



Nie ist eine Assassine während der Tang Dynastie, die von ihrer Meisterin Jiaxin als kleines Kind entführt und als Killerin groß gezogen wurde. Nie ist mittlerweile die beste auf ihrem Gebiet und sorgt in aller Regelmäßigkeit dafür, dass unbeliebte und korrupte Politiker das Zeitliche segnen. Doch Nies Fassade beginnt zu bröckeln und die eiskalte Attentäterin beginnt Gefühle gegenüber ihren Opfern zu entwickeln, weshalb Meisterin Jiaxin ihre Schülerin einer Vertrauensprüfung unterziehen will.

The Assassin ist eine asiatische Koproduktion (TWN/CHI/HK) unter der Regie des weltweit anerkannten taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien, der mehrere Jahre auf dieses für ihn zunächst ungewöhnlich wirkende Martial Arts Projekt hinarbeitete. Doch ein Wuxia oder Martial Arts Film unter der Leitung von Hsiao-Hsien ist kein gewöhnlicher Film des in Asien so beliebten (Sub)genres. Während andere Produktionen rasant, unübersichtlich, oberflächlich und vollgepumpt mit Effekten agieren, was besonders in den letzten zwei, drei Jahren extrem negative Züge angenommen hat, ist The Assassin der Antagonist des klassischen Blockbusters. The Assassin ist extrem langsam und extrem ruhig. Selten habe ich einen Film gesehen, der so schwer wahrzunehmen war.

Wer hier tobende Schwert- und Wirekämpfe oder gar Drachen erwartet, ist völlig falsch. The Assassin ist ein extrem akkurates, historisch bestens recherchiertes Drama, mit einer oberflächlich betrachtet leichten Story, die aber durch die Familiengeschichte und die unterschiedlichen Bindungen und Emotionen sehr komplex wirkt. Es bedarf mit Sicherheit einer zweiten Sichtung, in der man nicht so extrem auf die äußerlische Schönheit des Films fixiert ist, um wirklich alles in The Assassin greifen zu können. Etwas Vorwissen in chinesischer Geschichte wäre vielleicht auch nicht verkehrt.


The Assassin ist mit Sicherheit einer der schönsten zwei bis drei Filme der letzten Jahre. Jeder einzelne Frame, des sich fast über die komplette Laufzeit im 4:3 Format abspielenden Films ist ein Kunstwerk. Hou Hsiao-Hsien betreibt hier mit seinem Kameramann Ping Bin Lee, der auch schon für die Bilder in In The Mood For Love verantwortlich war, eine nahezu einzigartige Perfektion. Egal ob das gekonnte Spiel mit Licht und Schatten oder die brillant arrangierte Farbgebung. Die beiden haben ein Auge für Schönheit. Gemäldeartig präsentiert The Assassin seine Szenen.

Genial spielt der Film mit der Perspektive des Zuschauers, der bei den raren aber faszinierenden Kampfszenen mit einer Totalen ferngehalten wird. Auch bei den intimen Dialogszenen werden wir voyeuristisch durch leicht durchsichtige Vorhänge vom Geschehen getrennt. Ganz langsam bewegt sich die Kamera, extrem langsam, fast meditativ möchte man meinen. Der Film erinnert bei seiner Schmelze aus Langsamkeit und Schönheit an Zhang Yimous Raise The Red Lantern. Die Ausstattung samt großartiger Kulissen und wunderschöner Kostüme ist ohne wenn und aber erhaben. Auch der betörende Score passt in wirklich jeder Szene perfekt.


Bei aller von mir hervorgehobenen Genialität muss man aber auch betonen, dass The Assassin definitiv kein Film für Jedermann ist. Lässt man sich nicht auf die Faszination, auf die Schönheit der Bilder und der Geschichte ein, dann kann der Film durchaus eine einschläfernde Wirkung haben, da sich die Kampfszenen auf höchstens geschätzte fünf Minuten beschränken. Aber das wäre wirklich schade, denn der Film entwickelt seine Spannung definitiv, nur eben unterbewusst und subtil. Ich habe es sehr genossen, dass in diesem Film echte Emotionen und realistisch wirkende Figuren im Vordergrund standen und nicht die übliche Schwarzweißmalerei mit ihrer Überdramatik. Dafür sorgen auch die ruhig, aber dennoch intensiv agierenden Darsteller, allen voran natürlich die unglaubliche Shu Qi, die in The Assassin von Hsiao-Hsien mal wieder zu Höchstleistungen angespornt wurde. Das unnötig oft kritisierte Overacting vieler asiatischer Produktionen findet hier nie statt.

The Assassin ist ein unglaublich schöner Arthouse Martial Arts Film, der weniger Action-, viel mehr eine Charakterstudie ist. Hsiao-Hsiens Meisterwerk ist eine außergewöhnliche Erfahrung, ein stimulierendes, faszinierendes, vielleicht sogar hypnotisierendes Erlebnis, welches sich jeder Filmliebhaber einmal geben sollte. The Assassin ist so sanft und doch voller Energie. Vor allem aber holt der Festivalliebling des letzten Jahres das immer epischer werdende Genre des Wuxia wieder zurück auf den Boden. Und wie...

IT: The Assassin OT: Nie yin niang VÖ: 2015 Laufzeit: 105 Minuten FSK: - R: Hou Hsiao-hsien D: Shu Qi, Chang Chen, Satoshi Tsumabuki
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Christian

Bildquelle: Well Go USA Entertainment, Studio Canal, Wild Bunch

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